(40) Wer trägt was? Oder: New Yorker Accessoirs

A.´s Kind habe ich, selbst wenn es „richtig“ angezogen ist, noch nie mit einem Mützchen gesehen. A. wickelt ihm meistens ein Kleidungsstück von sich selbst um den Kopf – eine Bluse, oder was sie gerade zur Hand hat. Niemand könnte so einen Blusenturban besser wickeln als sie. Ich selber weiß aus Erfahrung, dass man Mützchen in den verschiedensten Größen benötigt, und zwar meistens die, die man gerade nicht hat. Außerdem verschwinden Baby-Accessoirs hin und wieder durch, naja –  gewisse Umstände. Mit so einem Blusenturban ist der Junge jedenfalls bestens vor Witterungseinflüssen geschützt. 

Das ist nicht bei jedem Kind der Fall. Neulich traf ich beim Müttersport, der üblicherweise mit einem Spaziergang zur zugigen Südspitze beginnt, eine Mutter, die ich schon längere Zeit nicht mehr gesehen hatte. Sie seien die letzten Wochen krank gewesen, meinte sie. Als ich ihr Kind im Buggy sitzen sah – ohne Mütze, mit ausgezogener Jacke und zwei blanken Schienbeinchen, die aus der hochgerutschten Skihose blitzten, rechnete ich auch die nächsten Wochen nicht mehr mit ihr.
An einem anderen Tag kam mir eine Mutter entgegen, deren Sohn etwas Rosarotes an seinen Händen trug und interessiert daran herumzupfte. Sie erklärte: „C. is wearing my socks today.“ „Good idea“, sagte ich und dachte im Stillen: eine noch bessere wären vermutlich Handschuhe gewesen.
Anders als in Deutschland sehe ich hier immer wieder Menschen, die zwei unterschiedliche Handschuhe oder Socken tragen. Wahrscheinlich hat in New York keiner Angst, als besonders freakig zu gelten, wenn er so etwas tut, denn es gibt immer jemand, dem noch viel verrücktere Dinge einfallen. Mal ehrlich: Was hat es für einen Vorteil, zwei identische Socken zu tragen außer den, nicht aufzufallen? Die ewige Sucherei – was bringt das?
Auf einer Straße in Manhattan lag neulich ein Schal am Boden. Ich weiß nicht, wie viele Autos bereits darüber gefahren waren. Als die Ampel auf „walk“ schaltete, bückte sich eine Fußgängerin, hob den Schal auf, schüttelte ihn, prüfte den Zustand des Fundstücks. Sie hätte ihn an den nächsten Laternenpfahl binden und seinem Besitzer die äußerst unwahrscheinliche Chance geben können, den Schal zurückzugewinnen. Oder sie hätte ihn im Vorbeigehen in die nächste Mülltonne fallen lassen können, sodass er niemandem mehr im Weg gelegen hätte. Die Frau steckte den Schal in ihre Handtasche. Es wird wohl ihr eigener gewesen sein, könnte man meinen. Ich weiß, dass er es nicht war. Man nimmt hier, was man kriegt.