(42) Christmas Chip geben – Oder: Knausrig sein

Meine Bekannte aus Japan ist schon einen Monat länger hier als ich, hat aber leider die Vorzüge des Family´s Network noch nicht erfasst. Ich habe versucht es ihr zu erklären, aber ich fürchte, sie denkt, ich möchte sie für eine Fitness-Sekte werben, wo man bei schlechtem Wetter und mit unbeaufsichtigten Babys im Park schrecklich anstrengende Übungen macht. Nur das Allerletzte stimmt. Bei einem Spaziergang fragte ich sie einmal, ob wir zum Northpoint oder zum Southpoint gehen sollten. Eine andere Möglichkeit gibt es ja auch nicht, es sei denn, man verlässt die Insel. Gehen wir doch zum Northpoint, da sei sie noch nie gewesen, sagte sie. Aha! Scheint so, als würde die Japanerin sich sehr viel Zeit lassen, die Welt um sich herum zu entdecken. Da wunderte ich mich auch nicht, dass sie sich beim „Christmas Chip“ unsicher war. Dieser lasse man offenbar zu Weihnachten dem Hauspersonal zukommen (was ich wiederum nicht wusste). Im Internet hatte  sie recherchiert: ein Betrag von $50 sei durchaus angemessen. 

Mit dem Lifescientisten stellte ich abends Hochrechnungen an, was denn so ein doorman zu Weihnachten bekommen würde, wenn sich jeder Bewohner an diesen Vorschlag hielte. An der PH hieße so etwas „Sachrechnen und Modellieren“: Wie viele Stockwerke hat das Haus, wie viele Wohnungen pro Stockwerk, welche Anzahl Wohnungen fallen baulich weg oder werden von knauserigen Deutschen bewohnt und das mit 50 multipliziert. Wir kamen zu dem Ergebnis: Das kann nicht sein!
Um Näheres in Erfahrung zu bringen, textete ich E., die mit allen Wassern des East River (aber auch der Moldau, des Rheins)  gewaschen ist und überdies stets zügig antwortet. Das stimme alles, sagte sie, und sie gebe $100.
Ich finde es auch gut, dass die doormen ein 13. Monatsgehalt bekommen. Überrascht war ich jedoch, dass ausgerechnet wir dafür zuständig sind. Aber was soll´s! Im Thriftstore fand ich  eine geeignete Weihnachtskarte („To our amazing doormen wirth all our love for christmas“ (22) war leider nicht mehr zu haben), der Lifescientist hat sich einen beinahe schon amerikanischen Text ausgedacht und ich habe den Umschlag am front desk abgegeben. Der diensthabende doorman war wenig überrascht und legte ihn zu den anderen. Aber das dreiviertel Jahr, wo wir noch in Deutschland waren, habe ich „rausgerechnet“. Wäre ja noch schöner.