(55) Andere Länder, andere Arztroutinen – Oder: The health plan you deserve

Eine Mutter aus der Sportgruppe machte mich aufmerksam: „Du weißt schon, dass du im zweiten Lebensmonat zum Kinderarzt musst, oder?? Und dann alle zwei Monate!“ Unser letzter Arztbesuch in Deutschland war noch keine drei Wochen her und ich verkniff mir die Frage: „Und, hast du dich schon für die Rückbildungsgymnastik angemeldet?“ Ich hätte ohnehin nicht gewusst, wie das Wort heißt. Als ich es einmal mit „special exercises for recovery after giving birth“ probiert habe, fragte man mich, ob ich Yoga meine.

Nicht pünktlich zum zweiten Lebensmonat, sondern etwas später gingen wir tatsächlich zur Untersuchung. Es sind zwei Damen, die die Praxis auf der Insel führen. Unsere „pediatrician“  ist schon recht alt, ihre Kollegin soll noch älter sein, uralt, und bei allen sehr bliebt.

Am Tage unseres Termins herrschte Chaos. „Nobody showed up today“, sagte die Ärztin, sie wisse überhaupt nicht, was los sei. Weder Sprechstundenhilfe noch Studentin waren zum Dienst erschienen. Möglicherweise hatten sie schlicht keinen Platz gefunden, denn heute, ein Tag vor Heiligabend quoll das kleine Büro über vor lauter Präsenten. Das konnte ich durch das Fensterchen sehen, durch das man vom Wartezimmer aus mit den Helferinnen im Büro kommuniziert – also, wenn sie da sind. Reich befüllte Körbe voller Schokolade.

Ich hoffe, dass die zwei älteren Damen im vergangenen Jahr nicht gleich mehreren Kindern das Leben retten mussten oder Ähnliches – und das mit so unzuverlässigen Helferinnen! Aber wahrscheinlich waren das gar keine außergewöhnlichen Zuwendungen, sondern es ist wieder so eine Sache wie der „Christmas Chip“ für die doormen. Aber ich frage lieber niemanden, sonst muss ich nächstes Jahr diese Ausgabe auch noch einkalkulieren.

Wir brachten die Untersuchung hinter uns. Zentraler Bestandteil waren diverse Impfungen. Wozu ein Baby eine Hepatitis B-Impfung braucht, ist uns bis heute noch nicht ganz klar. Wäre unseres ein kleiner Amerikaner, wäre es schon die zweite Dosis, die erste erfolgt unmittelbar nach der Geburt. Zwar wurden wir medizinisch aufgeklärt, nicht aber direkt gefragt, ob wir die Impfung überhaupt wünschen. Nächstes Mal werden wir uns besser vorbereiten.

Was mir auffiel, war die Einrichtung der Praxis. Es war alles sauber, aber irgendwie voller Krempel. Viele Unterlagen waren nicht in geschlossenen Schubfächern untergebracht, bzw. solche überhaupt nicht vorhanden, sodass alles optisch steril gewirkt hätte, wie ich das von Arztpraxen gewohnt bin. Teils war die Einrichtung veraltet. Die Personenwaage, auf die sich größere Kinder stellen können, hatte schon ordentlich Rost angesetzt. Aber ja, sie funktionierte sicher noch! Die Praxis hat  keinen schlechten Ruf, alles normal soweit.

„Ich bräuchte dann noch Vitamin D-Tabletten“, sagte ich. „Warum holen Sie die nicht einfach – vorne bei Ihrem Lieblingsladen?“, gab die Ärztin Antwort. Es läuft hier nicht jede Kleinigkeit über den behandelnden Arzt. Man kann sich beispielsweise seine Grippe-Impfung auch beim Lebensmittelgeschäft abholen, siehe Bild.

Die persönliche Gesundheitsversorgung, also der sogenannte „Health -Plan“, ist hier ein großes Thema. Öffentliche Werbeflächen sind voller diesbezüglicher Versprechungen. Bekommen Sie den Health-Plan, den Sie als New Yorker verdienen, heißt es. Neulich sah ich einen indischen Kassierer, der Mühe hatte, die Zahlen an der Kasse zu erkennen, was ja tragischerweise genau seine Aufgabe ist. Mit zusammengekniffenen Augen beugte er sich stark nach vorne. Er war Brillenträger, aber das Modell wirke seltsam flippig und irgendwie unpassend an ihm. Ich fürchte, er hat nicht die Sehilfe bekommen, die er verdient hätte.

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Zwei Staatsexamen habe ich bereits, das Augen-Examen fehlt mir noch.

 

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Grippe-Schutzimpfung jetzt im Sonderangebot bei „Costco Wholesale“