(71) Die Tram – Oder: Der Weg ist das Ziel 

Wie versprochen, nehme ich heute die Leserschaft mit auf eine Seilbahn-Tour, hier genannt die „Tram“. Noch passt ihr alle in eine Gondel, keine Sorge, ich habe das überprüft. Für  euch müssen wir jeweils nur ein U-Bahn-Ticket lösen, ein ganz normales. Mit der Fahrkarte vom Lifescientisten, der heute Abend extra mit dem klapprigen Betriebs-Shuttlebus nach Haus eiert, fahre ich „for free“. Da kann ich in der City noch ein bisschen spazieren fahren ohne irgendetwas Pseudo-Sinnvolles erledigen zu müssen.
Es ist eine eigenartige Mischung von Berufspendlern und fotografierenden Touristen, die sich in so eine Gondel drängt. Die Touristen sind schon auf dem Rückweg, nachdem sie gesehen haben, dass es hier auf der Insel nichts zu sehen gibt. Die Seilbahn selbst ist Sehenswürdigkeit und Wahrzeichen der Insel, mehr gibt sie nicht her. Vielleicht können die Touristen auf der Fahrt in die Gegenrichtung noch schönere Bilder schießen, denn jetzt wissen sie, wie schnell sie sein müssen.
Die Tram startet, sie erhebt sie sich über den East River, angelt sich an der Queensboro Bridge entlang, in wenigen Sekunden seht ihr Franklin D. Roosevelts Eiland von oben, manch einer erkennt vielleicht die Schornsteine wieder, wo sonntags die Ballerina tanzt, ihr seht die Südspitze, wo die Sportmütter vor ihren Übungen in die Wellen blicken und sich den rauen Wind um die Ohren sausen lassen. Die Brücke nach Astoria sehr ihr nicht, sie liegt hinter den Schornsteinen. Ebenso wenig seht ihr den kleinen Leuchtturm am Nordende und die knallroten Sitzbalken. Auf Höhe der Flussmitte kreuzen sich die Gondeln, die aus Manhattan kommt und die dort hin will. Dann könnt ihr beim Anflug auf das Flussufer anderen Leuten in die Privatwohnungen schauen. Gott sei Dank passiert mir das nicht, dass jemand guckt, ob ich aufgeräumt habe. Man sieht es nämlich wirklich!
Dem Baby ist die Tram nicht geheuer, das flaue Gefühl im Bauch. Wundert euch nicht, dass es anfängt zu meckern. Wenn wir Glück haben, kann jemand von den älteren Fahrgästen Vogelgezwitscher imitieren, das hilft ein paar Minuten. Und dann sind wir ja auch schon da: Manhattan, 2nd Avenue/59. Straße. Vielleicht wollt ihr jetzt einfach alleine losziehen und wir treffen uns später auf nen Kaffee irgendwo? Zum Central Park schafft ihr es locker zu laufen. Dann könnt ihr unterwegs die Stadt auf euch wirken lassen.
Ich fahre noch etwas herum und treffe E., die Mutter aller Inselmütter beim U-Bahn-Ausgang. Sie treffe ich immer in Manhattan. „Kommste klar?“, fragt sie. Ich möchte antworten, da verfängt sich meine Wickeltasche im Drehkreuz und wirft mich unelegant zurück. „Ja, ich komme klar“, sage ich.

fahrgaestegerade herrscht keine rush hour

los
Los geht`s…

insel
Roosevelt Island

meet
Nice to meet you, other tram!

Hinter der Brückenkonstruktion verbirgt sich die Südspitze der Insel

 

manhattanKurz vor dem Halt in Manhattan

Für Susanne H.