(80) Dr. Gründlich – Oder: High Five!

Beim letzten Kinderarztbesuch fragte man mich am Tresen, ob es um mich ginge oder um den Kleinen. Aber weil ich Dinge, die nicht in meine Gedankenwelt passen, gerne ausblende, erkannte ich erst später: was ich für eine Kinderarztpraxis gehalten habe, ist zwar nicht übermäßig geräumig, beherbergt aber dennoch außer den beiden Kinderärztinen einen Allgemeinarzt sowie einen Psychologen. Kein Wunder bei den Mieten. Aber ist doch auch praktisch für die Patienten.
Heute war es Zeit für den Allgemeinmediziner. Eine Routineangelegenheit. Meine schwach dosierte Schilddrüsenmedikation ging zur Neige. Der Doktor äußerte den Verdacht, dass ich diese Tabletten eigentlich gar nicht bräuchte. Das kann schon sein. Ich brauche viele Dinge eigentlich nicht, die ich in Deutschland für unverzichtbar hielt: einen Beruf, ein Auto, Fett in der Milch. Möglicherweise auch Thyroxin.
Was dagegen nowendig war, so fand der Arzt, war eine gründliche Anamnese. Schließlich war ich noch nier hier gewesen. Vitalfunktionen, ein Blutbild, eine Urinuntersuchung und eine Befragung. Darunter auch peinliche Fragen, die mit meiner Schilddrüse in einem nur unwesentlichen Zusammenhang standen. Nein, ich bin nicht mit der Familie nach New York gekommen um mit anderen Männern intim zu sein. Nicht dass Derartiges den Mediziner persönlich interessiert hätte, er nahm es einfach ins Protokoll.
Was zuletzt noch ausstand, war eine Untersuchung von Kopf bis Fuß. Die Mutter der Inselmütter hatte mich bereits gewarnt. „Why don´t you put on this…“ , sagte der Arzt, reichte mir eine Art OP-Hemd und verschwand. Irgendetwas daran sollte auf die Rückseite, aber ich verstand nicht, was und zog es einfach an wie ich dachte. Natürlich war es falschherum. Letztes Mal im Krankenhaus trug ich es andersrum, da war es auch falsch. Was bei Rückkehr des Arztes stattfand, war eine mehrere Minuten dauernde moderne Tanzperformance, die hätte auch am Broadway aufgeführt werden können. Sie bestand aus rhythmischem Abklopfen, Einatmen, Aufstehen, Hinsetzen, Abliegen, Extremitäten strecken, Beugen und immer wieder Klopfen. Der Doktor führte mich durch eine temporeiche Choreographie, die er seit Jahren virtuos beherrschte und für die er gewiss nicht mehr Zeit als nötig investieren wollte. Zum Abschluss: High five! Ich durfte gehen.
Da war ich schon aus der Praxis marschiert und, natürlich, ich hatte das Rezept vergessen. Aso noch einmal umkehren. Nein, es heißt nicht „recipe“, nicht dass die Damen vom Office denken, ich frage sie noch, nachdem ich eigentlich schon draußen war, was sie heute Abend zuhause kochen. Also prescription. Ich bekam sie trotzdem nicht, meine prescription, die war nämlich schon da, wo sie hingehört: in der Apotheke. Sollte sie etwa direkt dorthin geleitet worden sein? Möglicherweise mit einer dieser sagenhaften Errungenschaften namens Fax oder gar Email? Ja, ist denn das die Möglichkeit? Die Amis sind verrückt.
Wenig später erhalte ich einen Anruf. Es ist das Drogerie-Geschäft mit angeschlossener Apotheke. Genaugenommen ist es deren Anrufautomatik, die sich bei mir bedankt, etwas blechern aber dafür mehrfach, und mir mitteilt, dass ich mein Medikament jetzt abholen kann. Klasse. Thank you for calling.

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Über der Liege: Franklin D. Roosevelt wacht
Unter der Liege: Klassischer Fall von „Storage“