(85) I couldn´t come – Oder: Schlafes Mutter

Die Besuchsdisziplin bei meinen Müttergruppen ist etwas sprunghaft. Ich meine nicht bei mir, bei den anderen. Nicht jeder legt die Gewissenhaftigkeit einer Beamtin im Schuldienst an den Tag, wenn es darum geht ein bisschen zu turnen und  zu quatschen.
Jede kommt mal und kommt auch wieder  nicht, alles ist mir ein Rätsel. Manchmal tauchen auf einmal Leute auf, die habe ich noch nie gesehen, und das will etwas heißen, ich bin ja immer da. Ich vermute beinahe, es ist unhöflich, immer zu kommen. Darum bin ich diese Woche extra einmal morgens zuhause geblieben. Um ehrlich zu sein, ich war auch faul. Ich textete meiner Nachbarin und berichtete ihr von meiner Faulheit. Sie hatte jedoch meine Abwesenheit nicht bemerkt, denn sie hatte selbst gefehlt. Da seht ihr´s.
Neulich war Ally, die Fitnesstrainerin mit Herz und Verstand, plötzlich mit ihrem Söhnchen  in der Krabbelgruppe aufgetaucht. Nanu? Wo kamen die auf einmal her nach all den Wochen, ich sah sie sonst nur beim Turnen. Sie sagte, ihr Kind würde zur Krabbelstunde immer schlafen. „He is usually napping at that time“. Ich bin wahrscheinlich die schlimmste Mutter von der ganzen Insel. Ich nehme mein Kind auch schlafend mit, wenn ich irgendwohin will und nehme in Kauf, dass es aufwacht. Was soll´s, der Kleine kann ja  auch in der Krabbelgruppe weiterschlafen, wäre nicht das erste Mal. Und außerdem: ist ja auch für ihn, die Krabbelgruppe. Wenn ich ihn nicht wecke, denkt er womöglich: „Ach, das ist die Zeit, wo ich immer so schön schlafen darf.“ Dann wird es ja nie was mit den anderen Kindern.
Dass man einen Termin verpasst, weil das Kind schläft, höre ich immer wieder. Das mag alles seine Berechtigung haben, ich selbst wäre schlicht nicht auf so eine Idee gekommen, denn Schlafen ist bei uns kein sehr seltenes Ereignis. Würde ich handeln wie die anderen Mütter, hätte ich überhaupt keine Sozialkontakte mehr und ich hätte darüber hinaus keine Bank-, keine Krankenkassen- und keine NYC ID-Card, genau genommen wäre ich gar nicht erst nach Amerika gekommen, denn wir hätten nicht einmal ein Passbild von dem kleinen Schatz.

bassinet
Guten Abend, gut´ Nacht – und guten Tag auch.