(99) Leading the walk – Oder: Morgens, halb zehn auf Roosevelt Island

Endlich wieder Verantwortung. Ich habe eine Aufgabe übernommen, die für die internationale Elternschaft von großer Bedeutung ist: ich leite den „Walk“. Vor der Sportstunde, am Donnerstag. Montags übernimmt diesen Part eine verantwortungsvolle Kollegin, da geht es auch mal ohne mich.
Wir treffen uns immer um halb zehn an der Tram-Haltestelle. Dann gehen wir zum South Point und schießen ein Foto, womit wir für die Aktion nächste Woche einladen. Wir könnten auch immer dasselbe Foto nehmen, das tun wir aber nicht. Man soll schon sehen, dass wir wirklich bei dem Wind / dem Regen /  dem Schnee / mit den Zwillingen / mit dem Großvater von…  unterwegs waren.
Und was ist jetzt genau deine Aufgabe?, werden sich manche fragen. Das ist nicht zu unterschätzen. Das Handy geladen haben zum Beispiel. Auf Textnachrichten antworten. Ab 9.00 Uhr am geht das Gebimmel los. Ich komme später, ich komme nicht, ich komme vielleicht. Wo seid ihr gerade? Sollen wir nicht doch besser in XXX  [irgendeine größere Hausnummer] Gymnastik machen? Hast du einen Speaker? Soll ich dir Leberwurst mitbringen? Ich habe übrig – und so weiter und so fort.
Es gibt nämlich eine Gruppe derer, die ein bisschen häufiger, aber keinesfalls immer zum Sport kommen. Aus dieser Gruppe kommen die Textbotschaften. Außerdem soll  jeder, der noch nie dabei war oder neu auf die Insel kommt, die Chance haben, mit einzusteigen. Darum ist es wichtig, dass jemand um halb zehn vor Ort ist. Um 10 Uhr sollen die Spaziergänger dann im Playroom sein, für diejenigen, die nur Sport machen, nicht aber spazieren gehen wollen. Ich verrate euch ein offenes Geheimnis: Zehn Uhr reicht nie. Es kann nicht reichen, aber egal. Vielleicht, wenn wir pünktlich losgingen, tun wir aber nicht. Aber ich bin ja erreichbar um die aktuellen Ortskoordinaten durchzugeben. Meistens bin ich das.  Ich habe auch schon versagt. Gebimmel an der zugigen Inselspitze überhört, falsche Hausnummern gepostet und  vieles mehr. Aber man kann in so eine Verantwortung auch hineinwachsen.
Was soll der Quatsch? Warum macht ihr zweimal die Woche immer denselben Spaziergang? Müsst ihr euch deswegen dauernd anklingeln? Warum turnt ihr in einem viel zu kleinen Raum? Macht ihr überhaupt Gymnastik, oder schiebt ihr nur das Spielzeug hin und her?
Der Sinn dieser Veranstaltung erschließt sich vielleicht nur demjenigen, der irgendwann einmal hier auf der Insel gestrandet war und morgens halb zehn in dieser großen, verrückten Stadt auf warmherzige Menschen traf. Ich werde den Walk leiten, solange ich kann.
 99franklin
Franklin D. Roosevelt blickt mit gelassenem Auge auf vorbeiziehende Mütter.