(125) Good Friday – Oder: (K)ein Tag wie jeder andere

In meiner Kindheit und Jugend habe ich eine pietistische Erziehung mal mehr, mal weniger genossen. Karfreitag war bei uns allerhöchster Feiertag. Man gab sich ernst. Ein bunter Osterstrauß galt erst ab Ostersonntag als angemessen und mit dem Verzehr eines Salamibrotes hätte man am fleischlosen Karfreitag mächtigen Ärger vom Zaun brechen können, was man natürlich nicht tat. Zum Mittagessen gab es Fisch, was die schwäbische Küche ansonsten kaum vorsah, und diese Art Fastenspeise wurde als Festessen zelebriert. Überrascht hat mich immer wieder neu, dass die Tradition stockernster Besinnlichkeit an Karfreitag über das Familiäre hinaus ein Tanzverbot in öffentlichen Diskotheken nach sich zog. Meines Wissens bis heute.
Es ist etwas ganz besonderes, Karfreitag auf der Insel zu erleben. Der Lifescientist tat, was ein Forscher an einem solchen Tag tun muss: Forschen. Aber er wollte früher heimkommen. Schon um 18.30 Uhr wäre er dagewesen, wenn ihm die Tram nicht vor der Nase weggefahren wäre.
Die Mutter aller Inselmütter tat heute endlich das, was sie schon lange mit ihren Kindern tun wollte: Passbilder anfertigen lassen. Das gestaltete sich heute schwierig. Aus der Vielzahl möglicher Geschäfte hat sie ausgerechnet das falsche ausgewählt: das mit dem übelsten Service.
Eine meiner Ko-Mütter gab ihrem Kind heute zum ersten Mal Fisch – aus Zufall.
Ich selbst schrieb eine Mail an meine Hausarztpraxis, damit sie sie nächste Woche auf dem Tisch hatte – und erhielt sofort Antwort. Außerdem hängte ich Wäsche auf, was die andere Ko-Mutter kurios fand. Nicht wegen Karfreitag, sondern wegen des Wäscheaufhängens an sich.
Beim karfreitäglichen Sperrmüll steht eine voll funktionstüchtige Spielküche. Wenn der liebe Schatz nach seinem Vater kommt, hat er sicher bald Spaß am Kochen, aber noch ist es zu früh. Warten wir lieber bis nächsten Karfreitag oder bis Heiligabend. Sperrmüllspielküchen gibt es immer wieder. Vielleicht sogar eine schönere.

sperrmuellkueche