(142) Cut – Oder: Die Gegenwart der Abwesenheit

Wir haben unseren Rhythmus gefunden, die Tage sind ausgefüllt. Wir haben, was wir brauchen. Fühlen uns zuhause in unserem Apartment auf Zeit, im Job auf Zeit, als Hausfrau auf Zeit. Wir knüpfen Freundschaften auf Zeit. Irgendwann gehen wir wieder weg, andere tun es jetzt schon. Einen ersten Abschied haben wir schon hinter uns gebracht. Der kleine E. wird seine ersten Schritte auf dänischem Boden machen. Ich war traurig, als ich E`s Mutter an der Subwaystation umarmte. Obwohl ich sie vor wenigen Wochen noch gar nicht gekannt hatte, obwohl ich ihr immer so vieles nicht sagen konnte mit meinem üblen Englisch.

Während wir hier sind, vergisst man fast: auch in Deutschland geht das Leben weiter. Nichten und Neffen werden größer und mehr, Eltern werden älter. Ein leises Schuldgefühl beschleicht einen. Nicht weil man gegangen ist, sondern wegen der Unfähigkeit zur Gleichzeitigkeit.

Nun steht die erste Heimreise an. Mein Bruder heiratet. Zum zweiten Mal die gleiche Frau. Ein echter deutscher Trend, die staatlich-kirchliche Zweifach-Hochzeit. Meine japanische Mitmutter hat auch einen Bruder, der hat nur einmal geheiratet. In traditioneller Kleidung. Beim Familienfoto durfte meine Bekannte nicht fehlen: ihr hübsches Gesicht wurde auf einem Tablet-Bildschirm in die Kamera gehalten. Sie hat mir dieses Familienfoto gezeigt und ich kann es nicht vergessen. Es beinhaltet neben der Komik Tragik und Harmonie zugleich. Dass sie nicht dabei sein konnte, der Flug zu weit, zu viele Stunden, vielleicht zu hohe Kosten. Aber auch, dass sie doch dabei war bei dieser Feier, dass sie der Übertragung digital gefolgt ist, live und in Farbe, und dass ihre Herkunftsfamilie mit ihr in herzlicher Verbindung steht.

Eine andere japanische Bekannte traf ich am Wochenende auf der Straße. Wir stellten fest, dass sie unmittelbar nach meiner Rückkehr auch nach Hause reist und dass wir uns demzufolge sehr lange nicht sehen werden. Ich war überfordert mit den Anforderungen dieses Smalltalks auf der Main Street. Wie gut kennen wir uns nach so kurzer Zeit? Wie stehen wir zueinander? Spielt es eine Rolle, dass wir uns so lange nicht sehen? Wie kommuniziert man das in Englisch? Was ist angemessen? Neben all diesen Gedanken und Gefühlen stellen sich auch ganz praktische Fragen. Wie geht Packen als Mutter?  Der Lifescientist und ich haben jeweils eine digitale Packliste. Seit Jahren ist sie unsere Anleitung bei Urlaubsreisen. Da kann man hübsch abhaken, damit man nicht jedes Mal die Hausschlappen vergisst oder die Nagelschere. Jetzt muss die Packliste überarbeitet werden: Gläschen, Löffelchen, Lätzchen, Vitamintropfen, Schnuller und ein Bürstchen für den Zahn. Es wird lange dauern, bis ich je wieder für mich alleine packen werde.

Ich habe überlegt, was ich mit dem Blog mache. Ob man „auf Vorrat“ schreiben kann. Kann man nicht. Meine Blog-Delikatessen werden stets frisch und heiß angerichtet, ihr seht es an den Fehlern (Ich arbeite dran). Ich habe auch überlegt, ob man aus der Ferne bloggen kann. Kann man nicht. Es wäre wie gelogen. Deshalb herrscht hier Ruhe für drei Wochen. Und wer eine Nachricht möchte, wenn diese um sind, der meldet sich schon jetzt bei info@narren-freiheit.de. Alle anderen finden selbstständig hierher zurück. Herzlichen Dank für eure Treue.

ohnemich
Müttersport; jetzt endlich wieder draußen, aber ohne mich.