(143) Erwartetes und Unerwartetes – Oder: Wie es war in Deutschland

„Können Sie meiner Schwester aus New York am Samstagmorgen auch die Haare für die Hochzeit frisieren?“, fragte meine Schwester ihre Frisörin, die immer zu ihr ins Haus kommt. Die Gefragte sagte ja, jedoch machte sie sich Gedanken, welche exklusiven Wünsche eine ihr unbekannte New Yorkerin wohl bezüglich einer Frisur haben würde. In der Tat ergaben sich da besondere Anforderungen, nicht nur weil meine Haare miserabel von mir selbst getönt waren, sondern auch weil mein letzter Haarschnitt viele Wochen zurücklag und – falls das noch eine Rolle spielt, von meiner chinesischen Mitmutter vorgenommen worden war, die noch nie „curly hair“ geschnitten hatte. (Ich bin ihr heute noch dankbar, denn seit dieser Radikalkur habe ich bis heute keinen hormonbedingten Haarausfall mehr und für adäquate Kinderbetreuung während dem Schnitt war auch gesorgt gewesen).

Mein Traum, in Deutschland endlich einen stinknormalen Frisör aufzusuchen, zerschlug sich – auch wieder mangels Kinderbetreuungsmöglichkeit. Das heißt, Betreuung wäre schon vorhanden gewesen, nicht aber das Kind dazu. Denn beim Forschernachwuchs entwickelte sich eine altersbedingte Trennungsangst, die ihn zwar nicht konkret fremdeln ließ, die es aber unmöglich machte, dass seine Mutter für länger als ein paar Minuten den Raum verließ. Das kennt er ja auch nicht. Unser New Yorker Leben bringt gewisse Deformationen mit sich, die in Deutschland sichtbar wurden. Autofahren zum Beispiel. Transatlantikflüge – halb so wild, aber ein paar Kilometer Fahrten im Landkreis?! Gingen gar nicht. Erst zum Ende unseres Aufenthaltes erzielten konfrontative Maßnahmen überraschende Erfolge.

Es gab viel Babygeschrei wegen allem Möglichen, aber auch Momente, für die sich die stressige Reise gelohnt hat:

Eine dreiköpfige Hochzeitsfamilie, die Eltern in schwarzweiß, so schön wie man eben sein kann, wenn man sich gerne heiratet. Eine rumänische, bunte Tracht in Größe 86 mit einer Hose, die nicht lange weiß blieb, sondern bald so aussah, wie weiße Hosen aussehen, wenn man krabbeln kann: hinreißend staubig. Eine Schoppenflasche im Altarraum, schräg angewinkelt, routiniert, friedlich.
Meine einjährige Nichte, die den Forschernachwuchs schenkelklopfend und mit Begeisterungsrufen begrüßte und wild auf ihn zeigte, damit ihn jeder sah. Die immer wieder gerne ihren Schnuller aus dem Mund nahm, und ihn dem Besucher in den Mund steckte. Ist es nicht schön, zu teilen?
Vielfach erlebt: Familiäre Gastfreundschaft, falls man das so nennen kann. Intensive Querschnitte aus dem Alltag der einzelnen als Entschädigung für den verpassten Längsschnitt. So sein dürfen wie man ist. Aufgefangen werden.
Gelohnt hat sich ganz sicher auch die Herzlichkeit von Freunden und nicht zuletzt von ehemaligen Kollegen erleben zu dürfen. Echtes Interesse. Zu erfahren, dass man eine Person ist, besser zwei, um die man sich bemüht.

Ich habe vieles nicht geschafft. Menschen, die ich gerne gesehen hätte, hatten wir nicht treffen können. Drei Wochen sind so verdammt kurz. „Ich würde so gerne noch…“ waren Gedanken, die ich täglich neu unterdrücken musste. Es macht mich unzufrieden, so manches offen gelassen zu haben. Bleibt die Hoffnung, dass das geschriebene Wort manches gesprochene ersetzen kann.

Es war ein Höllentrip.  Anders kann man das nicht sagen. Am letzten Abend erstrahlte ein Regenbogen über dem Wohngebiet, in dem mein Elternhaus steht und verhieß das Ende aller Getriebenheit. „Guten Flug“, wünschten meine Geschwister. „Wird schon werden“, winkte ich ab, „das Schlimmste haben wir ja hinter uns.“

Beim Landeanflug  auf New York schrie sich der Forschernachwuchs dann doch noch in Rage, der Druck auf den Ohren, verständlich. Doch als das Flugzeug den Boden berührte, war er schon eingeschlafen. Wahrscheinlich vor Wut. Am Flughafen leuchteten die Muttertagstulpen in Gelb, die Insel erstrahlte in sattem Grün. Glad to be back.

 

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Endlich sagt´s mal jemand.

outfit
Hochzeitsoutfit:
Kleid: $ 12,99 Salvation Army,
Blazer geschenkt von einer anderen Mutter;
Schuhe $ 9,99 Salvation Army.
Nicht abgebildet: Halskette von der Schwester
(Die New Yorkerin hatte ihre Juwelen zuhause vergessen)