(173) Mittwochnachmittag in der Upper East Side – Oder: Kindertausch

Die amerikanischen Kinder haben lange Ferien. Deshalb gibt es für Frau Life Science schon einige Zeit keine Samstagsschule und für den Lifescientisten keine Sonderschichten als „alleinerziehender Vater“. Für den Monat August habe ich eine Ersatztätigkeit gefunden, ein bisschen privaten Einzelunterricht für einen Grundschüler.

Die New Yorker Kinder sind ja alle in irgendwelchen Camps. Man sieht überall große Kindergruppen von A nach B marschieren oder öffentliche Plätze und Museen bevölkern. Alle tragen gleichfarbige T-Shirts und werden von recht jungen Betreuern begleitet, die Kühlboxen, Sonnenschirme und Rucksäcke in Wägen vor sich her schieben.

Auch Liam, der Junge, dem ich Deutschunterricht geben soll, besucht so eine Institution: ein Tenniscamp. Nach dem Tennis komme dann ich. Ein ausgefeilter Zeitplan, der im Vorfeld schon mehrmals nachjustiert werden musste.

Vor der Deutschstunde bringe ich das Doktorle zum Labor. Dort darf es schlafen oder mit seinem Vater die nahe gelegenen Spielplätze erkunden. Gut, dass mein neuer Schüler auch in der Upper East Side wohnt – ich bin schnell da. Der Doorman ist verwirrt, als ich den Namen des Vaters nenne, der mein Ansprechpartner war. Der sei ja gar nicht da! Lediglich das Kind und die Nanny seien oben anzutreffen. Fast erleichtert wirkt er, als ich erkläre, dass ich eigentlich den Sohn aufsuchen möchte und nicht den Exmann von der Frau, die hier wohnt. Aber das erschließt sich mir erst später. Man muss eben – wie überall – erstmal durchblicken, wie die Verhältnisse so sind.

Als mir die spanischsprachige Nanny die Tür öffnet, sehe ich auch gleich Liam. „Hier!“, sagt er und streckt mir ein rotweiß gestreiftes Bonbon entgegen. Was für eine Begrüßung! Da freue ich mich. Liam und ich lernen uns kennen. Er trägt eine Brille und sieht ein bisschen aus wie das Doktorle, wenn wir ihm die Quatschbrille aufsetzen, bloß älter. Er zeigt mir seine Münzsammlung. Dollars und Euros sowie ein paar andere Einzelstücke in einer Blechdose. Eine ganz spezielle Kollektion, die Urlaubsgeschichten und mehr erzählt. Liam malt, schneidet aus und spielt Memory mit mir.

Am Ende der Stunde darf er endlich noch ein paar Minuten machen, was er will: mit seinen Plastiksoldaten spielen. Meine Aufgabe dabei ist es, zuzuschauen und mich nicht einzumischen, denn Liam hat ganz bestimmte Vorstellungen. Er hat eine Schlacht aufgebaut, Deutschland gegen USA. Deutschland hat acht Soldaten, die USA fünfundzwanzig. Die Auseinandersetzung endet wie vorgesehen und ich verabschiede mich für heute.

Vater oder Mutter sehe ich an diesem Tag nicht. Es ist ja auch erst halb sechs. Die Nanny reicht mir meinen Scheck. Er ist ohne Umschlag, der Betrag gut leserlich. Möglicherweise hat sie ihn sogar selbst ausgestellt. Ich fühle mich merkwürdig, frage mich, ob sie unser beider Stundenlöhne vergleicht und wie sie wohl dabei abschneidet. Weil ich Liam mag, esse ich beim Rausgehen das rotweiße Bonbon. Mit unerwartetem Pfefferminzgeschmack überquere ich Siebzigerstraßen und habe für ein paar Minuten kein Kind.

Die Deutschstunde war eine schöne Abwechslung, nicht nur für mich. Der Lifescientist kommt gerade samt Doktorle vom Spielplatz. Alles bestens und eine herrliche Schmiererei aus Bananen. Das geht ganz nicht raus, nie wieder, aber das weiß der Lifescientist nicht.

Auf dem Spielplatz waren auch ein Haufen Nannys mit ihren Kindern. Könnten ja auch die Mütter gewesen sein. Nein, das können sie nicht. Es „matcht“ nicht, sagt der Lifescientist auf Denglisch. Hautfarbe, Alter, Sprache – irgendetwas passt immer nicht zusammen bei diesen Frauen und Kindern. Diese Dienstleistungsverhältnisse sieht man.

 

soldat
Willst du nicht lieber etwas pädagogisch Wertvolles spielen, Kind? Nein? Macht keinen Spaß? Schade.