(176) Frugal Living – Oder: Weniger ist mehr

 

Meine Meckerei über die hiesigen Lebenshaltungskosten ist hoffentlich schon besser geworden – dank „Frugal Living“. Also dem sparsamen Leben. Und was wir hier machen, ist in Amerika längst Trend. Youtube ist voll davon – Wie man mit weniger gut lebt, dazu erscheinen vielgeklickte wöchentliche Videos. „Living as a family on one income“, heißt ein Stichwort. Wie man als Familie mit einem Haupteinkommen rumkommt – etwas, das in Deutschland  mit gewissen Einschränkungen möglich, aber keinesfalls extrem scheint. Ebenso beliebte Themen sind „Dept free life“ – schuldenfrei leben, oder auch „How to stop living from paycheck to paycheck“. Es ist ja hier so, dass man zweimal pro Monat, manchmal sogar wöchentlich sein Gehalt bezieht, also den Paycheck. Ein längerfristiges Einteilen seiner privaten Finanzmittel wird dem Amerikaner nicht zugemutet. Das Gute daran ist: man kann sich dann nicht nur einmal im Monat, sondern zweimal  freuen. (Meine Freundin, die inzwischen als Amerikanerin durchgeht, sagt nicht „Bitte lächeln“ oder „Cheese“, wenn ein Gruppenfoto gemacht wird, sondern sie ruft triumphierend „Paycheck!!!“. Das werden auf jeden Fall schöne Fotos.)

Ob man sich jetzt über den hart erarbeiteten Paycheck freut oder nicht, die amerikanische Mittelschicht, scheint uns, ist vor dem Abstieg nicht sicher. Das erklärt auch, wie Vince Gilligan auf das Drehbuch von „Breaking Bad“ kommen konnte: ein spießiger Chemielehrer, der die Kosten seiner Krebserkrankung finanzieren muss und notgedrungen kriminell wird. In überzogener Weise dargestellt, aber mit realer Grundlage.

Wo aus familiären Gründen oder wegen Krankheit Erwerbsarbeit zurückgestellt werden muss, oder wo aus anderen Gründen zu lange über die eigenen Verhältnisse gelebt wurde, stellt sich die Frage nach einem Leben von und mit weniger.

Es ist die Chance des „Frugal Living“ sein eigenes Konsumverhalten zu überdenken und sich zu besinnen, was einem im Leben wirklich wichtig ist. Das hat im Idealfall Befreiungspotential und macht einen unabhängig von den Werbeversprechen der Konsumindustrie. Frugal Living kann sehr viel Kreativität freisetzen. Es schont auch die Ressourcen unserer Umwelt. Für des Doktorles und anderer Kinder Zukunft. Also eigentlich eine gute Sache, nicht wahr?

Hier nun ein paar Tipps der Leute – oft sind es „Homestaying Moms“ – von der Frugal Living-Fraktion:


Eher gute Tipps

Buchführung über die aktuellen Ausgaben
Ist irgendwie total unerotisch, aber die Frugal People schwören drauf! Es ist ihr Tipp Nummer 1.
Muss jeder selber wissen.

Einen Essensplan für die Woche aufstellen
siehe oben.

Gebrauchte Kinderklamotten nutzen 

Zumindest unser Sohn ist ja, objektiv betrachtet, rundum entzückend und auch in jedem noch so ausgeleierten Hemdchen sieht er einfach nur süß aus. Es gibt ohnehin genügend gebrauchte Kinderkleidung im Umlauf, da Kinder oftmals schneller wachsen, als sich Klamotten abnutzen. Was eine Chinesin oder eine Kambodschanerin mit vielleicht letzter Kraft genäht hat, sollte man doch wenigstens zu Ende tragen, anstatt es einfach wegzuschmeißen, oder? Vielfach durchgewaschen enthalten Kleidungsstücke auch weniger Giftstoffe, heißt es. Also ich sehe nur Vorteile!
Wir sind in dieser Angelegenheit konsequent und haben noch nie (!) Babykleidung neu gekauft, außer einer Mütze, die noch am selben Tag aus dem Kinderwagen flog und nicht wiedergefunden werden konnte. Und einer blauen Badehose mit eingearbeiteter Windel. Ich kann das gar nicht mehr mit den neuen Babykleidern. Macht mir keinen Spaß. Gelegentlich werden uns neue Kinderklamotten geschenkt. Vielleicht aus Mitleid?

Auf den Wäschetrockner verzichten
Das ist für Amerikaner schon etwas gewöhnungsbedürftig bis schrullig, die Wäsche auf der Leine zu trocknen. Ich find´s zweckmäßig.

Lebensmittelreste verwerten

Das lohnt sich in mehrfacher Hinsicht. Wir schwören zum Beispiel auf Weckauflauf aus versteinerten Brotresten und Äpfeln. Näheres weiß das Internet.

Sein Shirt ein zweites Mal zu tragen, ehe man es wäscht
Dies gilt nicht bei der aktuellen Wetterlage, ansonsten ist dagegen nichts einzuwenden.

Lebensmittel und Alltagsbedarf auf Vorrat kaufen, wenn sie gerade im Angebot sind
Wir haben derzeit 24 Nudelschachteln (alle Sorten), rund 2,5 Kg Naturjoghurt, 9 Dosen rote Bohnen, rund 5 kg Haferflocken, 7 Küchenrollen, und – Achtung, Lieblingsthema: 31 Klopapierrollen im Haus. Und ihr?
Der Lifescientist kaufte neulich einen einzelnen Saft im 1 Liter-Gebinde. Der Behälter kam uns lächerlich klein vor. Verlor sich geradezu auf dem Esstisch. So supersized sind wir schon.

Nicht so dolle Tipps

Waschladungen reduzieren
Man kann ein Duschtuch noch ein weiteres Mal zum Abtrocknen nutzen, ehe man es wäscht, erzählen die Spartanten.

Aha. Man kann man es auch nach jedem Mal waschen? Na sowas!

Sich von Coupons kirre machen lassen

Das ist auch einer der wiederkehrenden Tipps der „Frugalistas“: mit Coupons sparen. Sie sind überall, diese Coupons – in Werbeblättern, im Internet, auf dem Kassenzettel. Man kann damit ganz tolle Produkte günstiger kriegen, auch und vor allem die, die man vorher gar nicht wollte… fremdgesteuert den Coupons hinterherrennen, wie der Hund dem Wiener Würstchen? Also diesen Tipp kann man sich wirklich sparen!

Den Fernseher ausschalten
Das muss doch wirklich nicht sein, sagt eine Sparexpertin in ihrer Videobotschaft, dass in jedem Zimmer der Fernseher läuft, auch wenn sich keiner darin aufhält. Ich finde auch: Das Laufen der Fernseher in allen Zimmern kann man sich sparen. Und die Fernseher. Und die Zimmer.

lydiaLydia Senn referiert auf Youtube zum Thema:
Schuldenfrei über Weihnachten kommen
So um die 1000 Dollar setzt sie erstmal für die Schenkerei an. Wie man Weihnachten stemmen kann? Das ganze Jahr über etwas zurücklegen, im Juli mit dem Shopping für Weihnachten beginnen, nicht jedem Deppen etwas schenken oder bastle doch mal was selbst…