(177) Allerlei Verleih – Oder: Awesome, you are sharing without a box?!

Die Sharebox steht immer noch in der Lobby unseres Hochhauses. Wenn ich via sms die Verleihliste anfordere, stelle ich fest, dass ich vor allem meine eigenen Sachen kostenlos leihen kann. Drei weitere Dinge, die noch aufgelistet werden, waren von Anfang an dabei und stehen im Verdacht, zum privaten Bestand der/des Kommunikationsdesign-Studentin/en zu gehören, der/die das Projekt ins Leben gerufen hat. Scheint noch nicht so gut zu laufen, das Ganze. Menschen sind eben allgemein träge und un-neugierig, vor allem wenn sie einen stressigen Job haben. Eine Holzkiste im Flur, wen interessiert das schon?

Immerhin kann man nun mit der „Question“-Funktion allerlei Fragen zum Projekt stellen und ein Gespräch mit der initiierenden Person anfangen. Sie versteckt sich nicht länger hinter standardisierten awesome-Antworten. Auf meinen Vorschlag hin (oder es war so naheliegend, dass die Projektleitung selbst drauf gekommen war?), etwas gezielter Werbung zu machen, wurden Flyer gedruckt, in den Laundry Rooms aufgehängt und jedem resident unter der Wohnungstür durchgeschoben. Allgemein zugängliche Briefkästen gibt es hier nämlich nicht. Offizielle Post wird in einem kleinen Schließfach abgelegt, zu dem nur der Postbote und der Mieter Zugang hat (nervt übrigens ziemlich, dass man niemandem jemals etwas einwerfen kann, echt!).

Fast zeitgleich mit dem Werbefeldzug traf die erste Anfrage ein: Unser Slow Cooker wurde gewünscht. Auch hier habe ich wieder den Verdacht, dass es der Student war, aber wer weiß das schon. Der Slow Cooker, auch „Crock Pot“ genannt, wurde uns damals über Mr. und Ms. Nice View zugespült, sie hielten große Stücke darauf. Warum sie ihn doch hergeben wollten, bleibt bis heute unklar. Ein Crock Pot scheint für anglikanisch geprägte Individuen etwas ungefähr so Nützliches zu sein wie für Asiaten der Reiskocher. Mir erschließt sich beides nicht. Schon mehrfach wagte ich Vorstöße, das sperrige Ding wieder loszuwerden, nur der Lifescientist war dagegen. Konkrete Anwendungsideen hatte er jedoch auch nicht. So lagern wir in der schweren Keramikschale, die Bestandteil des Geräts ist, unsere Kartoffeln. Der crockpot selbst steht unter dem Bett.

Seit Dienstag haben wir nun keinen Slow Cooker mehr und ob wir ihn jemals wiedersehen werden, wissen wir nicht. Vielleicht habe ich ja Glück.

One of your neighbours wants to borrow your slow cooker..., hatte die Nachricht gelautet. Noch in der Tram antwortete ich mit „yes“. Das fand die Kiste awesome. Zuhause wischte ich den Slow Cooker feucht aus und packte ihn ein. Vor der Sharebox stehend, schickte ich den Befehl „dropoff slow cooker“. Es blinkte ein Licht auf, die Kiste war zum Öffnen bereit und ich stellte das Gerät hinein. Noch ehe ich ein Foto für euch schießen konnte, fiel mit einem lauten Schlag der Deckel zu. Kein Öffnen mehr möglich. Der Typ am Front Desk guckte komisch. Aber der Dropoff – Vorgang schien erfolgreich beendet.

Während die Sharebox noch Startschwierigkeiten überwinden muss, läuft der völlig ungeplante Allerlei-Verleih beim Eltern-Netzwerk wie am Schnürchen. Falls mich die Holzkiste nun noch nach der Baby-Waage fragt, sehe ich alt aus. Eine andere Mutter möchte nämlich die Gewichtszunahme ihres erst ein paar Wochen alten Babys für ein paar Tage protokollieren und hat dafür die Waage bereits ausgeliehen.
Ihr Mann sei auch deutschsprachig, schreibt sie. Ich weiß ja, dass mein Englisch schlecht ist, aber wie um alles in der Welt hast du herausgefunden, dass ich Deutsche bin?, frage ich zurück. (Es war die automatisch generierte Betreffzeile meines Emailaccounts: „Re: Private Nachricht betreffend…“, die dies verraten hatte.)

Ob der Slow Cooker-Ausleiher auch deutsche Verwandtschaft hat, werde ich nie erfahren. Ist einfach zu unpersönlich, das Kistensystem.
Persönliches erfuhr ich bei einer weiteren Leihanfrage via Family Network: Hat jemand vom euch da draußen eine Eismaschine, die ich leihen könnte? Die Mutter, die diese benötigt, macht mit ihrem Kind eine Therapie, weil das Kind fast nichts isst. Als „Hausaufgabe“ müssen beide gemeinsam etwas Essbares herstellen, das wirklich Spaß macht. Also Eis! Das klingt lustig – Hach, die Amerikaner und ihre Therapien!  Es ist aber nicht lustig, vor allem nicht für die Mutter. So viel kann ich schon mal sagen.
In diesem Fall richte ich gerne die Eismaschine. Der Kommunikationsstudent wird schon nicht fragen. Ich packe Dinge dazu, die zur therapeutischen Eisproduktion nützlich sein könnten. Die große Kiste gebe ich am Front Desk ab, damit sie später abgeholt werden kann. Der Typ guckt komisch. Die schon wieder…!

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Slow Cooker für den Verleih via Sharebox mit analoger Botschaft