(178) Berufsmutter – Oder: Alle haben´s gut

Manchmal treffe ich auf dem Weg zum Müttersport eine mir bekannte Mutter. Ich in Turnschlappen, sie zurechtgemacht für den Job. Ich fühle mich merkwürdig, weil diese eine Mutter auch einst mit uns turnte, genau so lange wie ihre Babypause dauerte: lächerlich kurze Zeit. Meine ich das nur, oder guckt sie mich schief an, denkt sie „Die hat´s gut?“ Ein bisschen komisch ist sie schon…

Es mag auch von außen so aussehen, als hätte unsereins Homestaying Mom es immer hübsch gemütlich. Aber wenn mir eine andere deutschsprachige Mutter auf dem Spielplatz vom „Lagerkoller“ erzählt, weiß ich leider sehr genau, was sie meint.
Meiner eigenen Mutter sagte man einmal nach, sie, Frau Life Science Senior habe es ja gut, sie könne mit ihren damals drei Kindern mitten am Tag draußen spazieren gehen. Die Person, die das aussprach, wusste nichts von Blut, Schweiß und Kindertränen, die es gekostet hatte, die drei Kleinen wetterentsprechend anzuziehen und wie viel Arbeit zuhause noch wartete. Die Dinge sind eben oft anders, als sie scheinen.

Und ob schiefguckende Mütter wirklich Bock auf unser schräges Frugal Living hätten, bezweifle ich übrigens sehr. Ob sie sich vorstellen könnten, ihr Kind nicht in einem  Bungaboo-Stroller spazierenzufahren und ihm nicht jeden Tag ein neues Markenkleidchen anzuziehen, das sie anschließend mit dem IPhone 47 ablichten würden?

Vielleicht gucke ich aber auch selber schief ohne es zu merken; wenn ich denke: „Die hat´s gut, die sieht mal noch etwas anderes als ihr Kind. Die hat ´nen Job, eine richtige Aufgabe.“

Berufstätige Eltern brauchen natürlich Kinderbetreuung. Eine gute Einrichtung, in die man sein Kind ohne Schuldgefühle schickt, kann hier 3000 Dollar pro Monat kosten. Das muss man erstmal im Job erwirtschaften! Völlig gegensätzliche Aussagen bekam ich schon zu hören. Nicht nur „Ich kann es mir einfach nicht leisten NICHT arbeiten zu gehen“, sondern auch  „Ich kann es mir nicht leisten, arbeiten zu gehen“ –  weil die Betreuung so teuer ist. Je nach persönlicher Situation kann beides wahr sein.

„Die haben es gut“, kann man auch zu denjenigen sagen, die in Sachen Kinderbetreuung auf Großeltern zurückgreifen können. Auch Großväter werden hier gerne in die Pflicht genommen. Sicher kein Fehler! Ein Opa brach seine Zelte in Kanada ab und kam hier auf die Insel, um seine beiden Enkelkinder zu betreuen. So haben diese beiden Jungs nicht nur jeweils zwei Mütter, sondern auch den coolsten Opa aller Zeiten.

Die Lifescience-Fabrik bietet Kinderbetreuung vergünstigt an. Lifescientisten haben es nämlich gut. Allerdings geht nur Vollzeit. Typisch Amerika: Brauchst du jetzt Daycare oder brauchst du keine? Ein bisschen? Nur halb? Vergiss es!

Da der Lifescientist zwar nicht paycheckmäßig; aber stundenmäßig quasi für mich mitarbeitet, sehe ich keinen Anlass, für mehr als kleine Nebenjobs außer Haus zu sein. Jede Stunde, in der ich auswärts einer Arbeit nachginge, müsste ich wieder anderswo für zuhause nachkaufen, am Ende wäre es doch nur Dienstleistungs-Schach.There is no point in that.
Auch habe ich bereits einen Job, der in Deutschland drei Jahre auf mich wartet und den ich nicht mehr so schnell loswerde (Ich habe es gut).

Ich bräuchte nur so ein bisschen Daycare. Eine Pause vom Kind oder umgekehrt. Der Forschernachwuchs könnte ruhig mal merken, dass es auch ohne mich geht. Er könnte lernen, Vertrauen zu fassen. Dass er auch mal ein anderen Leuten als uns ein paar Stunden bleiben kann. Später würde er ganz natürlich Englisch lernen. Er würde niemals so rumeiern wie ich es tue.

Wenn wir Teilzeit-Kinderbetreuung wünschen, sind wir auf den freien Markt angewiesen, Daycare nach den Regeln des Kapitalismus; Kinderbetreuung ohne einen Cent vom Staat oder der Kirche (wo ist der Unterschied?) und in Räumen, deren horrende Ortsmieten mitbezahlt sein wollen.

Ich hatte den Bedarf vorausgesehen. Der kleine Schatz stand darum schon auf einer merkwürdig undurchsichtigen, aber kostenpflichtigen Daycare-Warteliste. Als die Mail kam, ein Platz stehe zur Verfügung, zwei halbe Tage pro Woche, war ich Feuer und Flamme. Dann gingen wir wieder und wieder die Kosten durch, die wir eigentlich schon lange wussten. Wir verglichen, wogen ab, erörterten Möglichkeiten. Und sagten ab. Über 1000 Dollar im Monat hätte die Betreuung gekostet. Dass dieser Preis natürlich auch gilt, wenn man krank ist oder in Deutschland weilt, gab mir persönlich den Rest. Deutschlandreisen sind ohnehin kompliziert genug, wenn man dann auch noch verschwendete Tausender einrechnen muss, wird es ganz und gar unangenehm.

Die Absage schmerzte. Die Sache mit der bezahlbaren Kinderbetreuung ist eines der wenigen Dinge, die ich hier wirklich vermisse.

Ernst beiseite. Mit dem gesparten Geld könnte ich jetzt eigentlich jeden zweiten Tag zum Spa, nicht? Ach so, geht ja nicht. Ich habe ja den Kleinen.

 

welt
Das bisschen Kinderbetreuung, das kostet doch nicht die Welt!

„Unisphere“ – Weltkugel-Installation im Flushing Meadow Corona Park, Queens
(errichtet zur Weltausstellung 1964)

opa
Opa kickt in der Upper East Side