(182) Kafka Wholesale – Oder: Neues aus dem Großmarkt

Neulich wollte ich Fotos abholen. Hab ich schon öfter gemacht. Digital einsenden und im Geschäft entgegennehmen. Im Großmarkt stehen unter dem Schild “Photo Pick Up” Fächer, in denen die fertig gedruckten Foto-Bestellungen nach Kundenname alphabetisch sortiert zur Mitnahme vorbereitet sind. An der Kasse weist man sich als abholberechtigt aus, fertig. Kennt man ja.

Doch dieses Mal war es anders. Am üblichen Ort standen statt der Fotos eine Palette voller “Trick or Treat” – Süßigkeiten in Eimern. Halloween steht vor der Tür. Aber irgendwo mussten die Fotos doch sein. Ich ging ein wenig herum. Fand keine. Zum Glück stehen im Geschäft immer Mitarbeiter bereit, die darauf achten, dass der Einkaufsvorgang korrekt abläuft. Dort fragte ich nach, wo die Fotos zu finden wären. Wann ich denn die Bestellung aufgegeben hätte? Ich verstand nicht, wozu das wichtig sein sollte. Schließlich hatte ich eine Email erhalten, meine Order sei abholbereit. Ob ich jetzt 15th of August oder 20th den Auftrag erteilt hatte, wusste ich wirklich nicht mehr.
Sie müsse meine Fotos heraussuchen, erklärte die Frau. Wenn Halloween ist, bedeutet das offenbar Ausnahmezustand für die Fotoabteilung. Danach kommt Thanksgiving, dann Weihnachten und so fort. Ich muss ziemlich Glück gehabt haben, dass ich meine Bestellungen bisher einfach so auffinden konnte.
Ob ich so lange einkaufen oder lieber genau hier warten wolle. Ich entschied mich für einkaufen. Und wie ich denn heiße. Ich begann zu buchstabieren. Dann doch lieber die Kundenkarte! Ist das Ihr Name?, fragte die Mitarbeiterin. Sie zeigte auf einen Namen, der auf meiner Kundenkarte stand. Nein, das ist nicht mein Name! Ich heiße doch nicht  Reyna Urosa! Dennoch war mein Foto war auf der Rückseite aufgedruckt. Die Verwirrung war perfekt. Ich hatte den fremden Namen auf meiner Karte immer für den Namen des Mitarbeiters gehalten, der diesen Ausweis  ausgestellt hatte. Ich gebe zu, das ergibt wenig Sinn. Noch weniger Sinn ergibt es jedoch, diesen Namen mit meinem in Verbindung zu bringen.
Das gehe so nicht, fand die Angestellte. Gehen Sie zum Servicestand und lassen Sie sich eine korrekte Karte ausstellen!, befahl sie. Derweil kümmere sie sich um meine Fotos und sei später wieder hier anzutreffen.

Ich stellte mich in einer der beiden Schlangen am Serviceschalter an. Als ich endlich drankam, sagte die zuständige Mitarbeiterin: Mein Anliegen könne sie nicht bearbeiten, sie sei nur für Umtausch zuständig. Nicht dass es ersichtlich gewesen wäre! Beide Schalter erschienen mir völlig identisch und jeweils mit “Membership” überschrieben. Aber nichts zu machen. Ich stellte mich noch einmal beim anderen Schalter an.
Das Baby wachte auf. Es würde nicht mehr lange im Kinderwagen bleiben wollen. Die Membership-Spezialistin, in deren Schlange ich nun wartete, benötigte übrigens nicht nur einmal fachliche Unterstützung von der Frau, die ausschließlich Umtäusche bearbeiten kann. Sie beugte sich über den PC ihrer Kollegin. Angesichts so viel Flexibilität gerieten auch meine eigenen Gedanken in Bewegung, um nicht zu sagen auf Abwege: Wie lange kaufte ich jetzt schon als Reyna Urusa ein? Ein dreiviertel Jahr? Hatte das je irgendwelche Probleme verursacht? Was, wenn ich es weitere zwei Jahre tun würde? Ich verließ die Warteschlange.

Die Ladenaufsichtsperson, die neuerdings die Fotoausgabe abwickelt, fand ich in der Elektronik-Abteilung, an einem Ausstellungs-Laptop surfend. Ich würde jetzt gerne meine Fotos mitnehmen, teilte ich ihr mit. Glücklicherweise fragte sie nicht mehr nach der korrekten Kundenkarte und verschwand, um mit dem Gewünschten zurückzukehren.
Ist doch eigentlich total praktisch, dass die Ladenaufsichtsperson die Fotos heraussucht, nicht? Und wenn die gerade nicht da ist, zum Beispiel, weil sie schon Fotoaufträge für jemand anderes aus dem Versteck holt, oder den Webauftritt des Großmarkts am Ausstellungs-PC betreut, dann kann das vielleicht solange ein anderer Mitarbeiter übernehmen. Oder die Putzkraft. Nur die Frau, die die Umtäusche macht, die kann es vielleicht nicht unbedingt.

An der Kasse zahlte ein weiteres Mal eine gewisse Reyna Urosa ihren Einkauf, nahm die Fotos von jemandem mit, der ganz anders heißt und bekam via Cashback-Funktion noch Bargeld vom Bankkonto dieser Person. Absolut kein Ding!

Bei den Ausgängen stehen immer noch weitere Angestellte. Sie gleichen den Kassenbeleg eines jeden Kunden mit den Waren ab, die er mit sich führt. Damit man nicht eben schnell eine Palette Erbsen aus dem Großmarkt klaut. Das Prozedere verursacht eine Menge Stau und Gerempel. Und ich habe meine Zweifel, dass es so richtig abläuft. Immer habe ich das Gefühl, diese Mitarbeiter sehen nach, ob die Items auf dem Kassenzettel im Einkaufswagen vorzufinden sind. Es sollte ja eigentlich umgekehrt sein, nicht?  Aber ich kann mich auch täuschen. Insgesamt macht ja alles einen sehr professionellen Eindruck.

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reyna