(192) Astoria mit anderen Augen – Oder: Blonde Haare, grüne Pferde, knallbuntes Obst und blaurote Säulen 

Mindestens zweimal die Woche findet man mich in Astoria/Queens, dem Stadtteil auf der anderen Flussseite. Was ich dort mache? Dem Inselkoller entkommen und meine alltäglichen Dinge erledigen. Supermarkt oder Großmarkt ansteuern, im Thrift Store (Wohltätigkeits-Second Hand-Laden) wunderbare Babysachen finden oder hilfreiche Fachgeschäfte aufsuchen. Mit einer gesprungenen Glasscheibe im Smartphone kann ich nämlich ebenso schlecht leben wie mit einem verstaubten Lüfter im Laptop. Und warum dafür nach Manhattan gehen, wenn doch  in Astoria die Gehwege leerer und die Preise besser sind? Meistens ziehe ich alleine mit dem Kind los, dann kann ich gehen, wann ich will und bleiben, solange ich Lust habe, bzw. solange mein kleiner Begleiter zustimmt. Es gibt ohnehin nicht so viele begeisterte Fußgänger in meinem Bekanntenkreis.

Erfreulicherweise hatte ich nun zweimal Gesellschaft auf meinen Touren – einmal von einer Slowakin, die praktischerweise Deutsch spricht, einmal von einer Griechin.

Erstere heißt nicht Valeska, aber ich nenne sie so. Sie wollte mal sehen, was es in Astoria so alles gibt. Weil sie eine Monatskarte hatte und weil ich dachte, es könnte ihr vielleicht zu weit sein, nahmen wir den Bus. Da spinnt der kleine Schatz leider oft auf eine sehr unangenehme Art. Ich habe hierfür mehrere Zeugen, die sich mittlerweile wieder in Deutschland aufhalten. Auch an diesem Tag wollte er wieder eine seiner Schrei-Orgien anstimmen, die für Außenstehende den Eindruck erwecken, als müsse man einen Arzt rufen. Valeska saß uns gegenüber und sagte folgenden Satz:

Lass uns Kinder tauschen.

Gesagt, getan. Während der schaukeligen Fahrt reichte ich ihr meinen und sie mir ihren Sohn. Da hatte ich auf einmal  Valeskas Sprössling auf meinem Schoß, der vier Monate schwerer oder generell stabiler gebaut und vielleicht etwas verdaddert, aber nicht unzufrieden war. Verblüffend aber was auf der anderen Seite zu beobachten war: Kein Geschrei mehr und kaum Theater bis zum Ziel. „Die sind bei anderen immer besser“, sagte Valeska. Sie hatte das einfach gewusst.
Aber auch in anderer Hinsicht gab es einen Aha-Effekt. Während ich sonst weitgehend unbehelligt durch Astoria flanieren kann, war das mit Valeska nur eingeschränkt möglich. Andauernd hielten es männliche Passanten für angebracht, uns zu grüßen oder in ein Gespräch zu verwickeln. Alles wegen Valeska. Dabei ist die gar nicht so – Entschuldigung – tussihaft. Aber blond, sportlich und überhaupt.

Valeska ließ ihren Forschernachwuchs auf dem grünen Schaukelpferd, das neben einem Ladeneingang stand, reiten. Der Kleine wirkte zunächst teilnahmslos, weinte aber, als es zu Ende war. Ich war schon oft an diesem Pferd vorbeigegangen, hatte aber nie in Erwägung gezogen, es je auszuprobieren. Mit den Augen der Kinder betrachtet, sieht  manches Spielzeug attraktiver aus und ich werde vermutlich beim nächsten Mal auch einen Vierteldollar rauskramen, um das leicht schäbige Pferd zum Wackeln zu bringen, zumal das mit dem Gleichgewicht mittlerweile schon ganz gut klappt.

Den Rückweg legten wir zu Fuß zurück, denn Valeska war der Umweg, den der Bus fährt, auch einfach zu umständlich. Ein weiterer Kindertausch erübrigte sich damit. Aber ein schönes Picknick in der Sonne gab es noch.

Meine griechische Bekannte, die ebenso wenig Elena heißt wie ich Frau Life Science, ist häufig in Astoria, nimmt aber meist den Bus. „Stimmt eigentlich, man kann ja auch laufen“, sagte sie einmal beim Müttersport und ich sollte Bescheid sagen, wenn ich mal wieder losziehe.
Irgendwann passte es – das Wetter, die Laune meines Zöglings und auch alles andere. Elena hatte wegen des Feiertags ausnahmsweise ihre beiden Kinder dabei. Das hieß für sie, das Jüngere im Wagen zu schieben und das Ältere auf einem City-Roller mitzuziehen. Elena kann das – auch über die eine oder andere Meile. Als wir vor „meinem“ Supermarkt ankamen, stellte ich fest, dass sie dort gar nicht hinwollte und dass sie, wenn sie Astoria sagte, ein ganz bestimmtes Astoria meinte. Wir hatten offenbar „aneinander vorbeigeschwätzt“, wie der Badener sagt. Kein Problem, ich hatte ja kein Zweitkind auf dem Cityroller, ich konnte fast überall mit hin. So entdeckte ich mit Elena die richtig griechische Ecke von Astoria, wo Obstwaren in weitläufigen Auslagen zur Straße hin drapiert sind, was einen anziehenden Farbmix abgibt, und wo Lebensmittel noch in thematisch sortierten Läden angeboten werden (Bäcker, Metzger, Gemüseladen) und nicht nur alles irgendwie im „Deli and Grocerie“-Shop oder in einem Supermarkt herumliegen.

In Elenas Laden fand ich neue Inspiration zum Kochen und insbesondere Kapern, die mich daran erinnerten, dass wir die in Deutschland in einem bestimmten Rezept gerne mochten, ich wusste nur nicht mehr in welchem. Ich nahm das Kapernglas trotzdem mit.

Nicht nur Elenas Tochter fragt altersentsprechend oft „Warum?“, sondern auch Elena selbst. „Warum“, fragt Elena, „sind den vor den „Barber Shops“ (Frisörgeschäfte“), die man an jeder Ecke sieht, eigentlich immer diese blau-rot-weißen zylinderförmigen Dinger?“ Stimmt! Jetzt fiel es mir auch auf. Das musste ich unbedingt herausfinden.

Elena war bei unserer Rückkehr trotz meilenweiten Rollerschleifens nicht zu erschöpft, um sich noch um meine platten Reifen am Kinderwagen zu kümmern. Ihren aufmerksamen Augen war das nicht entgangen. Meinen auch nicht, aber mit einer normalen Fahrradpumpe waren wir bisher nicht weitergekommen. Mit prallen Reifen und wendigem Schwung kehrten wir ins Apartment zurück.

Zuhause fand ich dann die Antwort auf die Frisörfrage im Internet. Die „Barber´s Pole“ geht aufs Mittelalter zurück, als Barber noch medizinische Angelegenheiten in der Hand hatten, insbesondere den Aderlass. Rot stand bei diesem Symbol für das Blut, weiß für die Verbände. Als die Barber nur noch Haare schnitten, behielten sie das Erkennungszeichen bei. In den USA wurde dann später auch die Farbe blau wieder aufgegriffen – aus patriotischen Gründen. So heißt die blaurote Säule bis heute: Haare schneiden – hier!

Das war also geklärt. Aber was außer Kapern noch zu diesem einen Gericht gehörte, fiel auch dem Lifescientist am Abend nicht mehr ein. Pinienkerne seien auch dabei gewesen. Pinienkerne mit Kapern? Das scheint als Mahlzeit nicht sehr nahrhaft. Was war es noch? Hühnchen? Oder was? Manchmal ist es ganz schön weit weg, unser Leben in Deutschland.

 

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Barber Shop in Chelsea mit einer Barber´s Pole wie überall sonst