(195) Backup – Oder: Lichtblick in der Lexington

Eine qualifizierte KiTa ist uns hier zu teuer, insbesondere die gewünschte Teilzeit ist für uns ein schlechter Deal. Darum hat Frau Life Science nach wie vor „Da!-Da!-Da!“ und „klödl-dödl“ fast rund um die Uhr um die Ohren. Aber es gibt Licht am Ende des Tunnels: Die Life Science-Fabrik fördert nämlich sogenannte „Backup Daycare“, also eine Bedarfs-KiTa für 10 Tage im Jahr. Das ist nicht viel – außer, wenn das Jahr schon fast zu Ende geht. Dann sind es 10 Tage in weniger als drei Monaten.

Network-Eva erzählt schon immer von der Möglichkeit des Backup-Programms, doch ich war lange nicht offen dafür. Unter anderem deshalb, weil ich in Sachen KiTa von der Notwendigkeit einer Eingewöhnungszeit ausging. Das sogenannte „Berliner Modell„, das ein bis drei Wochen begleitete Eingewöhnungszeit vorsieht – deutsche Eltern kennen es, steht hier dem „New Yorker Modell“ entgegen: Kind abgeben und wegrennen. Zeit ist Geld.

Inzwischen habe ich gelernt: Eingewöhnung ist was für Warmduscher, für Stoffwindelbenutzer, für Breigläschenschlimmfinder. Der Forschernachwuchs braucht keine Eingewöhnung, der packt das so. Außerdem muss/darf er ja sowieso nicht regelmäßig da hin.

Also dieses Backup-Programm, das wollten wir probieren. Ich stellte mich dem nötigen Papierkram. Mit den Unterlagen zog ich los, um die entsprechende Einrichtung zu besichtigen. Das war schwieriger als erwartet. Das Zentrum, das ich im Auge hatte, offenbarte mir vor Ort, dass es kein Backup, sondern nur reguläre Betreuung anbiete. Nicht dass es ersichtlich gewesen wäre. Aber die Dame am Empfang schrieb mir freundlicherweise die Adresse der Filiale auf, die sich auf Backup spezialisiert hatte.

So viel Zeit hatte ich an diesem Tag nicht mehr. Ich ging ein anderes Mal noch einmal los und suchte die Adresse, die ich mir gemerkt hatte: „515 Lexington Ave“. Was für eine seltsame Umgebung für eine KiTa! Und die genannte Hausnummer schien es gar nicht zu geben, drumherum nur Hotels. Da war wohl irgendetwas schief gelaufen. Die mobile Internetrecherche führte mich auch nicht weiter, zumal die Einrichtung keine eigene Internetpräsenz pflegte, sondern lediglich der übergeordnete Anbieter zu finden war. Ein weiteres Mal musste ich unverrichteter Dinge heimkehren.

Zuhause fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Das Sieben-Eins-Problem! Nicht zum ersten Mal war ich drauf reingefallen. Dieses Sieben-Eins-Problem gibt es nur bei handschriftlichen Notizen. Amerikaner schreiben nämlich händisch die Ziffer Eins als senkrechten Strich – so: I. Und die Sieben machen sie ohne Mittelstrich, also so: 7.
Wenn der Amerikaner handschriftlich eine Sieben notiert, gibt er sich verständlicherweise kein bisschen Mühe, Bögen und Winkel der Ziffer Sieben unmissverständlich zu positionieren. Verwechslungsmöglichkeiten mit der Eins kennt er einfach nicht.
Für unerfahrene Deutsche wird so aus Hausnummer 575 schnell Hausnummer 515.
Umgekehrt gibt es das Problem übrigens auch. Tatsächlich ist bei mir schon einmal Post zurückgekommen. Meine Eins wurde als Sieben gelesen und der Brief erreichte nicht sein Ziel.

Beim dritten Anlauf suchte ich „575 Lexington Ave“. Da sah es genauso wenig nach KiTa aus, aber dort war sie tatsächlich aufzufinden. Auf irgendeinem von vielen Stockwerken, hinter irgendeiner von vielen Türen. Und ich konnte sie besichtigen. Transparenz wird nämlich großgeschrieben. Es darf immer jeder zu Anschauen kommen. Ich fand keinerlei Beanstandungen.

So. Nun hatte ich auf einmal die Möglichkeit, das Kind für eine begrenzte Zeit irgendwo abzugeben, wo es eine sichere Umgebung, aufmerksame ErzieherInnen, schönes Spielzeug und andere Kinder gab, denen man es aus der Hand reißen konnte. Für ein paar Stunden würde der Kleine das schon aushalten, das wusste ich. Oft genug hatte mich mein Sohn wegen irgendetwas Interessanterem einfach vergessen. Ich ihn nie.

Doch ich fand nicht den Antrieb, einen Backup-Tag anzufordern. Die ganze Betreuungsmaschine in Gang setzen, nur für einen Kaffee in der Stadt? Mit dem Telefon ständig in der Hand? Und wenn der Kleine weinen würde?
Es vergingen zwei Wochen. Bis sich die Samstagsschule meldete, die auch eine Dienstagsschule ist. Es wurde sehr kurzfristig für 90 Minuten jemand gebraucht. Auf einmal hatte ich einen Grund für das Backup und setzte alles dran, dass der Einsatz klappte. Für 90 Minuten Unterricht waren drei Stunden Betreuung erforderlich. Man muss ja auch hinfahren und so.

Im Backup-Center gab es einen Eintages-Namens-Aufkleber an der Kindergarderobe und einen auf den Rücken von des kleinen Schatzes Ringelshirt. Ein orangefarbener Fisch blubberte in der Ecke. „Da! Da!“, zeigte der Forschernachwuchs.  Frau Life Science bekam zwei blaue Duschhauben, die sie über die Schuhe zu ziehen hatte. Wieder Papier ausfüllen, kein Problem. Zwei andere Kinder waren auch schon da. Eines davon war alt genug, um uns alle breit anzugrinsen. Wird schon werden, dachte ich, knutschte mein Kind und ging.

Als ich den Forschernachwuchs abholte, fand ich ihn auf seinen Knien kauernd. Er hatte er sein Gesichtchen in die Bodenmatte vergraben und den Po in die Luft gestreckt. Das macht er oft so, wenn er schläft. Die Erzieherin hatte ihm hierfür ein Nest gebaut. Und noch einen Zettel ausgefüllt. Was außer Schlafen er in den drei Stunden noch erlebt, gegessen, getrunken und wieder herausgelassen hatte. Good to know.

Wir machen das jetzt öfter mit dem Backup, denn an der Schule klemmt es für ein paar Wochen. Und nächstes Jahr sehen wir weiter.

 

LexingtonWürde man hier drin eine KiTa vermuten?

 

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