(201) Wo sind bloß die vollen Windeln? – Oder: Flutsch

Roosevelt Island ist eine Insel der baulichen Kuriositäten (von den menschlichen einmal abgesehen). Zum Beispiel :

  • Die knallrote Seilbahn, vor Jahrzehnten als Übergangslösung für den noch nicht fertiggestellten U-Bahn-Anschluss gedacht und längst nicht mehr wegzudenken. Sie bringt täglich eine Horde Lifescientisten, UN-ler und Touristen nach Manhattan und zurück.
    Die  „Tram“  ist das Wahrzeichen der Insel und der Bewohner allergrößter Stolz. Auf der örtlichen Halloween-Parade wurde sogar ein Hund gesichtet, der als Gondelkabine verkleidet war. Er rollte auf einem Skateboard.

tram
Foto: Gretart

  • Der einzige Zugang für reinen Fußgänger- Fahrrad-  oder Autoverkehr auf unsere Insel:
    Eine bordeauxfarbene, mechanisch heb- und senkbare Brücke in Richtung Queens. In der Regel funktioniert sie.

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Foto: Wikipedia

Aber es wird noch schräger: Gerüchtehalber habe ich schon öfter davon gehört, aber ich konnte mit der Info nichts anfangen. Nun weiß ich Bescheid. Es gibt es wirklich, das unterirdische Ansaug-System für Abfall, genannt AVAC. Eine Art Rohrpost für den Müll. Klingt nach Science Fiction und ist tatsächlich eine absolute Rarität. In den USA findet man eine solche Anlage sonst nur noch einmal: in Disneyland. Und das Verrückte ist, unser Wohnhaus scheint wie alle anderen auch an das System angeschlossen. Mehrere Landkarten zeigen dies übereinstimmend.

Nicht dass es von innen ersichtlich gewesen wäre. Der Restmüll wird im Flur in eine Klappe geworfen und fällt dort tief hinunter. Diesen Vorgang kenne ich schon, da ich bereits einmal in einer Siebziger Jahre-Bausünde gewohnt habe, wo es sich ähnlich verhielt. Allerdings ohne Sauger, soweit ich weiß. Wo und wie genau der Saugvorgang einsetzt, ist für uns Bewohner nicht erkennbar. Das Zentrum der Anlage befindet sich beim Parkhaus – ganze 800 Meter entfernt. Unvorstellbar, dass der Abfall so weit fliegt. Muss er aber!

abwurf
Flutsch – und ab zum Parkhaus, Stinkewindel!

Trotz dieser merkwürdigen Anlage liegen vor unserem Haus wöchentlich schwarze Restmüllsäcke auf dem Gehweg. Nicht allzu viele – gemessen an der Bewohnerzahl und den amerikanischen Lebensgewohnheiten, das wird mir jetzt bewusst. Vermutlich sind dies nur Überbleibsel, die nicht der Anlage zugeführt wurden, weil sie zu groß waren oder dergleichen. Zusammen mit den Kartonagen und den sogenannten Wertstoffen sowie dem Sperrmüll werden diese Abfälle dann zu Unzeiten, d.h. oft weit nach Mitternacht, von ebenso vielen Entsorgungsunternehmen wie es Wohnhäuser gibt geräuschvoll abgeholt. Aber das ist eine andere Geschichte.

muellDer Rest vom Restmüll

Aber warum jetzt das Ganze mit diesem gigantischen Saugsystem?

Roosevelt Island wurde in den Sechzigern als Wohngebiet erschlossen. In diesem sollten keine Müllwägen kreisen, denn es war als verkehrsfreies Viertel angedacht. (Mir wird klar: die schlechte Verkehrsanbindung an den Individualverkehr besteht nicht, weil wir von den Stadtplanern vergessen wurden, sondern sie ist das Ergebnis eines Traumes, der nicht ganz wahrgeworden ist. Wie auch immer: wenig Verkehr ist gut für  Kinder, nicht wahr?)

Das mit dem fliegenden Müll habe ich heute einer befreundeten Mutter erzählt. Ihr Gesichtsausdruck verriet: Sie hat es mir nicht geglaubt. Dabei steht es doch sogar in der New York Times

avac
Hier laufen die Rohre zusammen und der ankommende Müll wird mit LKWs abtransportiert.

 

>>Wikipedia über AVAC