(206) Thanksgiving 2.0 – Oder: Truthahn mit Lamm und Rippchen 

Eine japanische Mitmutter, Akari, fragte neulich auf einer Mütterzusammenkunft, was wir denn so vorhätten an Thanksgiving. Da konnte ich immerhin sagen: „Wir werden unseren ersten Truthahn zubereiten“. Das macht man ja hier so und wir machen mit, auch wenn wir das Fest noch nicht ganz nachvollziehen können. Bei Weihnachten weiß man, was die Idee von Weihnachten ist, das Weihnachtsgefühl, ob es sich einstellt oder nicht – man weiß, was es ist oder sein soll. Was ist Thanksgiving? In welcher Stimmung soll man da sein? Warum ist es so wichtig? Man feiert es mit Familie und Freunden, auf den Austausch von Geschenken wird verzichtet, sympathisch. Bleibt also hauptsächlich Essen übrig.

Dieselbe Akari fragte kurz darauf, ob ich ihren Truthahn wolle. Ihr Mann bekäme immer einen von der Firma, und dieses Jahr wolle sie keinen zubereiten. Wir kriegen nie irgendetwas von der Lifescience-Fabrik, wir machen etwas falsch, aber den Truthahn von Akari nehmen wir gerne. Thanks for giving! Wir mögen Akari.
Es ist ein großer Truthahn. „Be prepared,“ warnt Akari vor der Übergabe. Weil er so groß ist und andere Zugereiste an Thanksgiving auch nichts vorhaben, laden wir eine befreundete chinesische Familie ein. Mehr Gäste trauen wir uns zurzeit nicht zu. Sie kämen gerne, sagen sie und wollten etwas zum Menü beisteuern.

Thanksgiving ist immer am Donnerstag. Am Dienstag erhalte ich eine Textnachricht von der chinesischen Mutter, wann denn das Dinner sei. Mittwoch oder Donnerstag? Wir sind irritiert. Wir wollten Thanksgiving an Thanksgiving feiern. Wo war die Unklarheit? Ich fragte meine chinesische Freundin vorsichtig, ob es ihr denn am Donnerstag recht wäre. „Alles klar“, meinte sie, sie wolle nur sicher gehen, ob schon am Vorabend gefeiert würde. Sie schien so etwas wie den Heiligen Abend des Thanksgiving befürchtet zu haben, bei uns Deutschen weiß man nie. Schließlich feiern wir auch am 24. Dezember Weihnachten, wenn in New York der Alltag tobt.

Das war also geklärt. Immer viel Klärungsbedarf bei internationalen Begegnungen. Wer erwartet was? Wie läuft das ab? Am Mittwoch kam eine weitere Nachricht. Meine chinesische Freundin schlug vor, Kokossuppe, gegrilltes Lamm und Rippchen zu bringen. Ich schluckte beim Lesen. Hatte sie so wenig Vertrauen in unsere Kochkünste? Ich gab ihr das Kampfgewichts unseres Vogels durch: 15 lb – das sind fast 7 Kilo. Außerdem schickte ich ein Beweisfoto direkt  aus dem Kühlschrank, wo er seit Tagen auftaute. Ach so, schrieb meine Freundin zurück, dann kein Lamm und keine Rippchen, lieber etwas Gemüse und die Suppe. Und dass mein Kühlschrank sehr aufgeräumt sei.

Am Donnerstag deckte ich den Tisch und schrieb Kärtchen mit den Namen unserer Gäste. Beziehungsweise ich bin mir sicher: so heißen sie nicht. Es sind amerikanische Namen. Namen, die andere Menschen aussprechen und sich merken können. Namen, mit denen sie sich selbst vorstellen. Darüber muss ich oft nachdenken.

Der Lifescientist übernahm die Gesamtverantwortung für die Zubereitung des Turkeys und er gelang. Gerade beim  Eintreffen der Gäste sprang das serienmäßig eingebaute Kontroll-Thermometer aus dem Truthahn und ich aus der Dusche. Cranberrysauce hatte der Lifescientist ebenfalls gekocht, aus frischen Beeren; und einen Kartoffelsalat German Style angerichtet.

Es war ein schöner Abend. Die Kokossuppe war wunderbar und wird vom Lifescientist bald nachgekocht. Am Tag darauf schmeckte das Menü noch genauso gut und im Eisfach sind zwei weitere Familien-Portionen vom Truthahn. Vielleicht für Weihnachten.