(211) Gloria in excelsis deo – Oder: Frau Life Science tauscht Ikeacouch gegen Polsterstuhl im Konzertsaal

„Dass ich das noch erleben darf“, sage ich zu Uli, als wir uns auf unseren Stühlen niederlassen und zusehen, wie Orchester und Chor ihre Plätze auf der Bühne einnehmen. Samstagabend in der Carnegie Hall. Konzert mit Chor und Orchester. Mehrere Bachs stehen auf dem Programm und nichts weniger als eine Weltpremiere. Dazu später mehr. Jetzt freue ich mich erst mal.

Das kulturelle Leben in New York findet ja bekanntlich weitgehend ohne mich statt. Da bei uns zuhause der kleine Schatz die erste Geige spielt, bin ich sonst immer froh, wenn er abends schläft und ich in Ruhe am PC sitzen kann. Selten habe ich das Gefühl, da draußen wirklich etwas zu verpassen.

Da  muss ich an meine Tätigkeit in der Behindertenhilfe zurückdenken; schon lange her. Wenn wir damals eine bestimmte Dame im Wohnheim fragten, ob sie an einem sozialkulturellen Angebot teilnehmen wolle, wies sie dies grundsätzlich ab, nicht ohne eine gewisse Empörung. Das hörte sich dann (auf Badisch) in etwa so an:

„Erika, möchtest du mit ins Theater?

„E Nai,Theater!? Sell habbi jeden Dag“.

Dasselbe sagte sie auch, wenn man sie nach Kino oder Konzert fragte. Kino? – Habbi jeden Dag!  Konzert? – Habbi jeden Dag! Mit ihren Worten spielte sie auf das turbulente Leben im Wohnheim und an ihrem Arbeitsplatz an, das ihr oft zu viel wurde.

Konzert hat Frau Life Science auch jeden Tag, aber nicht immer wohlklingend und nicht in der Carnegie Hall.

Bei der vorhin erwähnten Weltpremiere handelte es sich übrigens um eine 15-Minuten Oper, in der es um eine wahre Begebenheit geht; im Wesentlichen darum, dass der junge Bachen 1705 einen anderen Studenten einen Zipfelfagottisten geheißen habe. So eine Beleidigung macht natürlich Ärger! Und den kann man empört nachsingen. Er hat mich zuerst geschimpfet! (Hurz….!)
Bachs Cousine muss als Zeugin erscheinen, aber die Beobachtung eines „Weibsbildes“ zählt damals nur eingeschränkt. Die offizielle Klärung der Angelegenheit wird vertagt, weil kein Geistlicher zugegen ist und damit endet die Oper. Ein interessantes Zwischenspiel vor dem Magnificat in D-Dur.

Das Konzert war erbaulich, genau wie Uli selbst. Sie hat heute in Gedanken mitgesungen. Sie kann das, denn eigentlich gehört sie auch zum Chor. Aber diese Saison hat sie ihr Proben-Soll nicht erfüllt. Sie hat eben auch einen kleinen Schatz. Und ´nen Job noch obendrauf.

Auf dem Heimweg sehen wir uns schrille Weihnachtsschaufenster an. Es ist eisig. An der Tram gibt es Heizstrahler. Bald sind wir zuhause. Uli wohnt nebenan.

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Spannung vor dem Konzert.
(Das schwarze Kästchen oben links ist für die störungsarme Veranstaltungsdokumentation gedacht, weiß Uli.
Einmal hochklettern und knipsen: $85 Gebühr. War leider in meinem Budget nicht vorgesehen)

Nicht ohne Amerika-Flagge!                        

Ricola for free
„Bedienen Sie sich bei den kostenlosen Ricola Hustenbonbons.
Und denken Sie daran, eines (oder mehrere) auszuwickeln bevor das Konzert beginnt.“

(Klebrige Finger garantiert…)

 

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Schaufensterbummel auf dem Heimweg
(Seiltanz?? Hab ich jeden Tag.)