(212) Ein Programmheft auf Reisen – Oder: Every long line needs a baby in it

Das Programmheft vom vergangenen Konzert wollte ich nach Hause schicken, weil ich wusste, dass beim Lesen der Titel die Musik in den Ohren meines Vaters erneut erklingen würde. Ich packte das Heft in einen Umschlag und notierte einen kurzen Brief, den der kleine Schatz mit ersten Kulistrichen verzierte. Den Umschlag frankierte ich mit ein paar Marken, die ich zu viel hatte und aufbrauchen wollte, und brachte ihn aufs Postamt auf der Insel um zu erfahren, welche Marken für die Reise nach Deutschland noch zu ergänzen wären.

Wie immer musste man auf der Post lange anstehen. Als ich an der Reihe war, prüfte die Angestellte den Umschlag, suchte im PC und reichte mir ein Formular zum Aufkleben. Ach ne, nicht schon wieder dieses Formular! Das hasse ich. Das ist eigentlich für Pakete und man muss ausfüllen, ob der zu versendende Gegenstand flüssig ist (nein) und wie viel er wert ist ( $ 0 ) und all sowas. Auch Absender und Empfänger muss man noch einmal neu eintragen. Dann klebt man das Formular auf den Umschlag und bereits vorhandene Marken werden damit abgedeckt. Super.

Ob das Formular wirklich nötig ist, frage ich. Die Angestellte dreht ihren Bildschirm zu mir und erklärt irgendetwas, aus dem hervorgeht, dass es wohl erforderlich ist. Weil ich so lange angestanden habe, bin ich entschlossen, das Formular auszufüllen und die $6,45 Versandkosten zusätzlich zu den aufgeklebten Marken zu zahlen. Ob sich mein schwäbischer Vater dann noch über das Programmheft freuen kann, ist fraglich.

Ob ich denn einen Stift hätte, fragt die Angestellte. Nein. Auf dem Postamt liegen nie welche aus und es hängen keine am Schnürchen. Wer möchte schon schreiben auf der Post? Die Dame geht irgendwo hin und holt mir einen Stift. Wenn ich das Formular ausgefüllt hätte, dürfte ich ohne neues Anstehen bei ihr vorsprechen, versichert sie mir. Thank you so much. Dann verschwindet sie im Nebenraum und lässt die Warteschlange mit den Hufen scharren. Ich möchte das Formular ausfüllen, aber der mir gereichte Kuli schreibt nicht. Ich schraube ihn  auf. Er enthält keine Mine. Was soll denn das?

Die Dame ist immer noch im Nebenraum. In mir steigt der Frust auf. Eigentlich nur Kleinigkeiten, aber mich packt die Wut. So lange angestanden, das olle Formular, ein unverhältnismäßiger Preis und ein Schreiber, der nicht schreibt. Ich knalle den Stift auf den Tresen und gehe nach Hause.

Zuhause kommt mir eine Idee. Ich falte das Programmheft in der Mitte auf und aus dem Format DIN A5 wird DIN A4 (also ungefähr, weil die Papierformate in die USA anders sind). Dann schiebe ich es in einen doppelt so großen Umschlag als zuvor. Dafür ist das Ganze jetzt halb so dünn.

Am nächsten Tag gehe ich wieder zum Postamt. Die Schlange ist noch länger. Es ist ein Computer ausgefallen. Er hängt irgendwie (In dieser Stadt ist immer, immer, immer was kaputt). Aus der Warteschlange heraus wird zum Personal hinübergerufen, inwiefern denn der PC am nicht besetzten Schalter den aktuell genutzten, eingeschränkt funktionstüchtigen PC ersetzen könne. Mir fällt auf: die Crowd muss hier immer Vorschläge machen. Nicht aus Besserwisserei, sondern weil man wirklich nicht weiß, ob alles Nötige für das allgemeine Fortkommen getan wird. Nach dem Motto: „Habt ihr eigentlich schon probiert, den Baumstamm der Länge nach durch Stadttor zu tragen? Ja? Hat nicht geklappt, es muss quer sein? Ach so!“

„Every long line needs a baby in it“, sagt die Dame vor mir. Zusammen mit ihrer Bekannten, die vor ihr ansteht, nimmt sie Kontakt zu mir und dem Forschernachwuchs auf. Sie singen ein Loblied auf seine positiven Eigenschaften –  sowohl optisch als auch was seine psychische Konstitution angeht und erfinden spontan allerlei Fang- und Klatschspiele. Er macht begeistert mit. Die Frauen merken sich seinen Namen.

Endlich komme ich an die Reihe. Es dauert hundert Jahre, denn der Postmann muss die bereits aufgeklebten Marken (vom alten Umschlag abgezupft und mit Klebestift neu aufgeklebt), von den Gesamtkosten abziehen. Mit dem Computer! Aber es klappt.

Ein aufgefaltetes Programmheft ist übrigens 41 Cent billiger als ein gefaltetes und man muss bei ersterem kein Formular ausfüllen.

Gute Reise, liebes Programmheft! Und Gruß daheim.