(215) Heiligabend 2016 – Oder: Performances

„Pleaaa-aase! Pleaaa-aase! Pleaaa-aase!“, singt es elend in fallenden Halbtonschritten in der U-Bahn-Halle an der 23. Straße. Eine Frau lehnt mit ihrem Vorschulkind an der gekachelten Wand und bettelt. Und das an Heiligabend. Aus Berechnung?

Den Weg zur deutschen Kirche in Chelsea findet Frau Life Science – lange genug hat´s gedauert – ohne in Straßenschluchten verpeilt nach uptown und downtown zu spähen oder im Smartphone rumzutzippen. Im selben Gebäude tagt nämlich dienstags auch die Kindergruppe des Forschernachwuchses. Der ist heute Abend zuhause und passt mit dem Lifescientisten auf den Backofen auf. „Heiß!“ „Heiß!“ Darüber weiß er schon gut Bescheid.

Ich komme an einer Hunde-Tagesstätte vorbei. Einige haarige Klienten hocken im Schaufenster und starren in die Heilige Nacht. Ihre Betreuerin spricht ins vorgehaltene Handy.

Dann betrete ich die Kirche. So ein Weihnachtsgottesdienst ist schon ein Phänomen. Da hockt man in New York City im Kirchenbänkchen und singt „Vom Himmel hoch“ und kommt sich vor wie in Emmendingen oder in Lahr. Es ist wirklich wie daheim. So gar nichts ist fremd.

Spätkommer werden der Empore zugewiesen und haben dort freie Sicht auf die Orgel. An ihr glänzt die Organistin mit Multitasking, das diese Bezeichnung wahrlich verdient. Sie sitzt auf ihrem Organistenstuhl und bearbeitet Manuale und Pedale mit Händen und Füßen. Im Halbrund vor den Orgelpfeifen sitzt ihr etwa vierjähriger Sohn auf einer Decke. Manchmal kommt er auch zu ihr aufs Bänkchen und schaut beim Orgeln zu. Fährt mit einem Kuli  an ungenutzen Tasten entlang bis die jugendliche Trompeterin streng hinüberblickt. Er isst mitgebrachte Kinderkekse und sieht sich ein Bilderbuch an. Frau Multitasking hat die gesamte Situation voll im Griff. Während der Predigt verschickt sie noch schnell eine paar bebilderte Weihnachtsgrüße über ihr Smartphone und ist rechtzeitig zum „Amen“ wieder musikalisch präsent.

Nach dem Vaterunser gehen im Kirchenraum die Lichter aus. Es erklingt das Lied „Stille Nacht“. Eine Kirchenbesucherin in knallig orangefarbener Bluse greift nach dem Taschentuch und betupft vorsichtig ihre Augen. Die Nebensitzerin tut es ihr gleich. Die Frauen kichern über ihre eigene Sentimentalität, necken sich gegenseitig und hören dennoch lange nicht mit dem Tupfen auf.

Bei der abschließenden musikalischen Darbietung von „Hark! The Herald Angels Sing“ laufen die Trompeterin, die Organistin und ein für heute organisierter Counter-Tenor zur Hochform auf. Frau Life Science hält die Luft an.

Auch der Organisten-Junge merkt, dass hier etwas Besonderes vor sich geht. Es kommt ihm eine neue Unterhaltungsidee. Er gebärdet sich wie Tiger, Löwe und Leopard zugleich; geht auf allen Vieren, macht einen Buckel, wirft imaginäre Krallen aus. Die komplette Raubtierabteilung aus dem Bronx -Zoo steht dieser Performance Pate. Dazu imitiert das Raubtierkind den stimmgewaltigen Tenor als eine Art Playback-Künstler. Es ist herrlich bizarr, wenn auch völlig lautlos. Keiner kann und möchte das Ungetüm stoppen.

Während des ganzen Gottesdienstes sitze ich hinter meiner Kollegin von der deutschen Schule. Was für ein Zufall: Da geht man alleine in die Kirche und trifft spontan eine Kollegin. Man könnte meinen, es gäbe eine Stadt namens New York City und Frau Life Science gehöre da irgendwie hin.

Auf dem Heimweg störe ich ein paar Herren, die Modefotos an einer Hauswand schießen, indem ich ihnen durchs Bild laufe. So sorry…

Zurück auf Roosevelt Island schaue ich noch kurz beim Starkstromgehweg vorbei. Der Wachposten, der seit geschlagenen zwei Wochen ununterbrochen Tag und Nacht im Auto sitzt und auf den Gehweg schaut, aber niemals rechtzeitig aussteigen könnte, wenn wirklich etwas wäre, wurde abgezogen. Die Pylonen-Installation wurde abgebaut. Heute Nacht scheinen keine Stromschläge auf dem Gehweg zu befürchten.

 

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Heilige Nacht in der Hunde-Tagesstätte in Chelsea