(221) Drop and go – Oder: Ohren zu und durch!

Seit fast einem Jahr steht der Forschernachwuchs auf der Warteliste für einen Platz in einer KiTa hier auf der Insel. Die Warteliste kostete eine Einschreibe-Gebühr, die Höhe des Betrags habe ich vergessen, ich weiß nur noch, dass es weh tat.

Noch vor Ablauf der gedachten Wartefrist hatte sich die Einrichtung mit einem „Offer Letter“, einem Betreuungsangebot gemeldet, zwei Monate später noch einmal und beide Male hatten wir es schweren Herzens ausgeschlagen. So ein Angebot geht dann sofort an den Nächsten und wenn man Pech hat, fliegt man von der Liste und das Warten beginnt von vorne.

Nun rückte der Zeitraum näher, der von Anfang an vorgesehen war, auch schien der Baby-Burnout bei Frau Life Science kaum noch abzuwenden. Höchste Zeit für ein wenig Unterstützung bei der Betreuung! KiTa oder Kur – und zwar eine Mutter-OHNE-Kind-Kur! Oder Streik! Zieh dich warm an, Lifescientist!

Doch nun meldete sich niemand von der KiTa, auch nicht auf Rückfrage. Beim zweiten Nachhaken dann plötzlich die Antwort: ein Platz wäre frei, schon in zwei Wochen. Die Dinge gehen hier immer Schlag auf Schlag. Wohnungen, Jobs, KiTa-Plätze – alles wechselt von jetzt auf gleich. Entweder es geht gar nichts oder es geht sofort. Und wir sagen auch sofort ja.

Wir haben ja bereits ein wenig Erfahrung mit amerikanischer Daycare gesammelt – mit den paar Backup-Tagen, die wir zum Ende des vergangenen Jahres genutzt hatten. Ich weiß, wie der kleine Schatz weinen kann, wenn man ihn alleine bei den neuen Leuten lässt, wie er dann doch ins Spiel findet und wie er, sobald er mich wieder sieht, erneut zu schluchzen beginnt: „Ach Mama, warum warst du denn weg?“ Und wir er sich dann zuhause gestresst zeigen kann, wenn ich ins andere Zimmer gehe. Haust du denn schon wieder ab, Mama?

Ja, es ginge auch anders. Mit weniger oder ganz ohne Weinen. Man könnte den kleinen Schatz stundenweise in die Betreuung bringen, anfangs mit dabei bleiben, gemeinsam die Spielsachen erkunden, die Betreuer kennenlernen, ein Buch anschauen und die Bleibedauer nach und nach aufbauen und erweitern. Besser wär´s!
Nahezu selbstverständlich ist dies heute in Deutschland, man nennt das „Eingewöhnung nach dem Berliner Modell“. Hierzulande jedoch gilt das „New Yorker Modell“, das man mit „drop and go“ ganz gut beschreiben kann (Hatten wir auch mal vor dreißig, vierzig Jahren).
Sonst ist man aber auf dem neuesten Stand. Eltern loggen sich morgens mit einer App in das Informations-System ein: „Aufgestanden um…., Windelwechsel um… und sonstige Infos, die weiterzugeben sind.

Hierzulande vertraut man ganz darauf, dass die Kinder die Eingewöhnung selbst schaffen. Man geht auf ihre Vorlieben und Bedürfnisse ein, zeigt sich herzlich und mitfühlend gegenüber Eltern und Kind, aber man macht der Mutter indirekt schon deutlich, dass sie jetzt mal besser gehen soll, denn sonst wird es nur schlimmer mit dem Abschiednehmen. Ohren zu und durch! Als Eltern kann man tagsüber zwanzigmal anrufen oder auch vorbeikommen und heimlich an der Gruppentür lauschen, wenn man das braucht, und man kann das Kind natürlich auch früher abholen. Jederzeit! Man zahlt ja sowieso für den ganzen Zeitraum. Alle drei Minuten raschelt ein Dollarschein. Wer das nicht viel findet, kann es ja mal hochrechnen.

Und ist das Kind erstmal in der Betreuung, wird man mit einer Email samt Fotos überrascht. Die Betreuer schaffen es irgendwie, jedem Kind ein Lächeln abzuluchsen. Und aus des kleinen Schatzes vieldeutigem Gebrabbel folgende Botschaft zu transkribieren:

Hi mom!
Just wanted to let you know I´m ok. I’ve played with toys in my new environment. I made a new friend as well as ate all my lunch and my teachers are very nice to me. Mama drop off was tough for the both of us but with time and spending time with my new caregivers I felt comfortable to explore the environment at my own pace. Right now I’m napping but I can’t wait to do it all again on Tuesday.
See you soon mama missed you.

Hi Mama!
Wollte nur Bescheid sagen, dass bei mir alles ok ist. Ich habe in meiner neuen Umgebung gespielt, habe Freundschaft geschlossen mit einem anderen Kind und ich habe mein Vesper ganz aufgegessen. Meine Lehrer sind sehr nett zu mir. Mama, das Abschiednehmen war hart für uns beide aber mit der Zeit und je mehr Zeit ich mit meinem Betreuern verbringe, desto wohler fühle ich mich, meine neue Umgebung in meinem eigenen Tempo zu  erkunden. Jetzt mache ich gerade Mittagsschlaf, aber ich kann es kaum erwarten, am Dienstag das ganze Programm nochmal zu machen. Bis bald! Ich hab dich vermisst, Mama!

daycare
Erster Tag in der Daycare.  Mr. Mümmelmann steht Kopf.