(230) Ultraviel Aufwand für Ultraschall – Oder: Orchideen in der Upper West Side

Kleinkinder haben oft verhältnismäßig dicke Bäuchlein. Der Forschernachwuchs auch. Das sorgt immer wieder für Lacher, wenn er in der Badewanne steht. Seine Kinderärztin findet das nicht lustig. Das müsse man abchecken, rät sie. Mit abtasten kommt sie nicht weiter, der Kleine tobt. Das wohl weniger wegen irgendwelcher Schmerzen, sondern weil er findet: „Mein Bauch gehört mir!“

Die Ärztin wirkt unsicher. Sie hat nicht die Lebens- und Berufserfahrung ihrer Kollegin und auch nicht deren stoische Gelassenheit. Da müsse ihre Kollegin mal draufschauen, findet sie und eventuell müsse man danach zum Ultraschall. Die andere Ärztin hat aber erst nächste Woche Zeit, und zwar nur am Daycare-Tag. Der Termin liegt in der Mittagszeit. Später hinbringen oder früher holen wäre dann witzlos. Einen ganzen Tag Daycare verfallen lassen? Was für eine Verschwendung. Man macht doch auch nicht die Steuererklärung ausgerechnet am Geburtstag, wenn man es vermeiden kann, oder?

Natürlich hat die Gesundheit des kleinen Schatzes jederzeit Vorrang, aber mögliche abdominale Auffälligkeiten mit den bloßen Fingern an einem schreienden Kind abzutasten, scheint nur wenig zielführend. Da ist Ultraschall doch die Methode der Wahl! Nach einigem Hin und Her und einem gewissen Maß an Durchsetzungskraft von Seiten der Frau Life Science steht das Vorgehen fest: Zuerst Ultraschall, danach nochmal zur Ärztin oder ihrer Kollegin, und nicht umgekehrt. Abgemacht!

Man kann sich ja schon mal fragen: Warum hat diese Praxis denn kein Ultraschall-Gerät? Nach einem kürzlich vollzogenen Umzug in funkelnagelneue Räumlichkeiten teilen sich die Kinderärztinnen die Praxisräume wie schon zuvor mit einem Allgemeinmediziner und nun noch mit einer neu eingerichteten „Urgent Care“-Station, so einer Art Erste Hilfe-Ambulanz für Leute, die nicht schon den Kopf unterm Arm tragen, aber trotzdem unvorhergesehen Hilfe benötigen. Ein neues, schickes kleines Zentrum der Gesundheitsfürsorge – eine Ultraschall-Untersuchung aber kriegt man dort nicht.

TELEFONAT 1

Nach Erhalt der Überweisung ist „Weill Cornell Imaging“ zu kontaktieren, die Unterabteilung für bildgebende Untersuchungsmethoden am örtlichen Weill Cornell Krankenhaus. Mittlerweile geht es so einigermaßen mit dem Telefonieren. Der Operator erfragt des kleinen Schatzes persönliche Daten und  welche Art von „plan“, also Versicherungsvertrag vorliege. Das wollte noch nie jemand wissen! Auf der Krankenkassen-Karte sind beidseitig diverse Zahlen und Begriffe aufgedruckt, keine Ahnung, was gemeint sein könnte. Der Lifescientist, gerade auf dem Weg in die Fabrik, macht noch einmal kehrt und blättert in der Krankenkassen-Broschüre. Doch er kann nicht weiterhelfen. Das Telefongespräch muss vorzeitig beendet werden.
(Kurz darauf stellt sich heraus: der gesuchte Begriff heißt „Managed Care Plan“ und steht auf der Krankenkassenkarte unter dem Namen der Versicherung. Also so ungefähr wie „AOK- Ihre Gesundheitskasse“. Das also wollte der wissen!)

TELEFONAT 2

Erneuter Anruf bei „Weill Cornell Imaging“. Von unterwegs aus, denn der Tag geht ja weiter – auch wenn man ein Ultraschall-Untersuchung plant. Der neue Operator (how are you?) interessiert sich überhaupt nicht mehr für die vorhin verzweifelt gesuchte Bezeichnung. Er möchte schlicht die ID-Nummer wissen. Kein Problem, die kann man leicht von der Karte ablesen!
Wer zum Ultraschall überwiesen hat, fragt er nun. Frau Life Science nennt den Namen der Ärztin, weiß sogar ihren Vornamen auswendig und die Straße – aber nicht die Hausnummer. Ohne Hausnummer kann er nicht weitermachen, sagt der Operator. Ob er die Nummer bitte nachschauen könne? Nein, könne er nicht, sagt er, das habe er nicht im System. Schon mal was von Internet gehört? Nö? Wieder Gesprächsende.

TELEFONAT 3

Nun heißt es Hausnummer raussuchen und einen weiteren Anlauf starten. Neuer Operator, vielmehr eine Sie: Jenny. How are you? Wieder den Namen der Ärztin buchstabieren. Ob man Saltzweg mit „F“ am Anfang schreibt, fragt Jenny. Die semantischen Wurzeln dieses Nachnamens, für jeden Deutschsprachigen offensichtlich, erschließen sich ihr natürlich nicht – für sie sind es nur Buchstaben.
Nach erfolgreicher Buchstabierung endlich einen Schritt weiter. Die Gesprächspartnerin stellt nun fest: wegen des jungen Alters des Patienten müsse sie die Ärztin persönlich sprechen. Die Telefonnummer? „Hätte ich doch nur die Überweisung mitgenommen“, ärgert sich Frau Life Science, da hätte sie die im Stempel ablesen können. Doch tatsächlich findet die Servicemitarbeiterin die Nummer selbst heraus. Sie wird doch nicht etwa das Internet benutzt haben?
Nun heißt es in der Leitung bleiben, während sie die Ärztin kontaktiert. Minutenlange Stille. Im Eingang eines großen Bastelgeschäfts an der 6th Avenue telefoniert – oder schweigt – es sich heute recht ungestört. Jenny meldet sich zurück. „How are you?“ Sie habe die Ärztin nicht erreichen können. Ja stimmt, das wird ja seit dem Praxis-Umzug fast jede Woche im Elternnetzwerk gefragt – warum zum Teufel in der Arztpraxis keiner abnimmt. Es scheint da immer wieder technische Probleme zu geben.
Gut, dass Frau Doktor erst neulich Frau Life Science angerufen hat. Vielleicht verbirgt sich hinter der gespeicherten Nummer ja ein funktionstüchtiger Anschluss? Frau Life Science kann die Nummer im Handy ablesen, sobald sie aufgelegt hat. Die gespeicherte Nummer ist schnell aufgerufen – aber nichts zu schreiben! Klarer Fehler von Frau Life Science. Das kann sie doch mal mal lernen – Kuli mitführen! Sie ritzt die Nummer mit dem Hausschlüssel in ein Bastelprospekt.

TELEFONAT 4

War die letzte Ziffer wirklich eine sechs? Frau Life Science zweifelt beim Blick auf das Bastelprospekt. Die Kollegin von Jenny verspricht, die hoffentlich korrekte Nummer direkt an Jenny weiterzureichen, die schon wieder andere Klienten bearbeitet.

TELEFONAT 5

Nach zwanzig Minuten der Rückruf von Jenny. Sie habe nun mit der Ärztin gesprochen und eine Terminvereinbarung wäre nun möglich. Die Ultraschall-Untersuchung werde in 2315 Broadway, 4th floor in der West Side durchgeführt; Ankunftszeit 9.45 Uhr; der Termin selbst dann um 10.00 Uhr. Mist, so viele Infos, Honig im Kopf und immer noch nix zu schreiben! Nein, das könne sie nicht mailen, sagt sie (Das ist die erste medizinische Stelle, die nichts zu Terminen mailt oder aufs Handy textet). Man könne aber jederzeit anrufen und die Angaben zum Termin in aller Ruhe zu erfragen. Alles klar! Thank you so much!

Am übernächsten Tag ist schon der Termin. Nachdem es erst noch 15 Grad hatte, heute plötzlich Schneeregen. Volltreffer!  West Side ist immer doof, Manhattan der Länge nach mit der U-Bahn zu durchqueren ist einfacher als Querverbindungen. Zwischen den Umstiegen liegt ein Fußweg von der sechsten zur siebten Avenue, mitten durch den Times Square. Auch am Ende der Fahrt nochmal ein Stück Fußweg. Kinderwagenschleppen auf schneewasserrutschigen U-Bahn-Treppen scheint schon keiner Erwähnung mehr wert. Eine Stunde für die Anfahrt muss man da schon einplanen. Tatsächlich erreicht Frau Life Science 2315 Broadway, 4th floor, super pünktlich, schnappt sich das Klemmbrett am Tresen und stürzt sich in die paperwork.

„Kackaaaaaa!“, ruft der Forschernachwuchs energisch. Zum Glück versteht keiner, dass bowel movement gemeint ist. Auf zu den ungewöhnlich luxuriösen, wenn auch fensterlosen Toilettenräumen, wo eine lebendige Orchidee auf dem Waschtisch nach Photosynthese lechzt. Mist, keine Windel mehr in der Wickeltasche! Klarer Fall: das war der Liefescientist, der die letzte rausgenommen hat! (Oder war es am Ende doch Frau Life Science selbst?) Hier ist kein Wickeln möglich und sei das Klo noch so sauber und schön und mit bald absterbenden Orchideen ausdekoriert.
Ein Blick aus dem Wartezimmerfenster zeigt: Es schneeregnet immer noch gewaltig. Wie kommt man jetzt bloß an Windeln ran? Warum ist ausgerechnet heute kein anderes Kind mit noch nicht abgeschlossener Sauberkeitserziehung unter den Patienten? Wie erklärt man dem Arzt dieses Versagen? Dürfen Mütter alles?

Da wird der Forschernachwuchs schon aufgerufen und in einem Nebenzimmer wird das Bäuchlein mit Gel beschmiert. Diese Maschine ist der A380 unter den Ultraschall-Geräten. Man hat hier anscheinend entweder gar keines oder gleich das größte und beste Gerät. Die Windel bleibt dran und scheint geruchlich unauffällig. Glück gehabt! Die Fachkraft nimmt sich viel Zeit für die Untersuchung am protestierenden Kind, sie geht alle inneren Organe systematisch durch und speichert die Aufnahmen im PC ab. Ob ihr etwas aufgefallen sei, möchte Frau Life Science am Ende wissen. Sie sei nur für die Aufnahmen zuständig, sagt die Fachkraft. Sie könne lediglich gute Bilder fabrizieren, und genau das habe sie gerade gemacht, versichert sie nicht ohne Selbstvertrauen.

Der kleine Schatz bekommt einen Streifen mit Ritter-Aufklebern. Von tapferen Rittern hat er noch nie etwas gehört, aber gibt die Sticker nicht mehr aus der Hand. Zuhause ankommen, sind sie vom Schneeregen aufgeweicht. Doch die Windel hat gehalten.

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