(231) Let´s meet right now! Oder: To understand the world 

Des kleinen Schatzes Daycare hat auch Mitbestimmung von Eltern vorgesehen, „parent´s call“ heißt das, das ist so etwas wie eine Eltern-Versammlung. Diese findet regelmäßig statt und dauert von halb 4 bis 4 Uhr. Zwar interessiert sich Frau Life Science fast immer und überall für fast alles (insbesondere für neue Blog-Steilvorlagen), eine Teilnahme an dieser Sitzung ist jedoch organisatorisch nicht möglich.
Um 15.35 Uhr des Sitzungstages erhält Frau Life Science eine Rundmail:

Parent´s call is happening right now. Join us if you can! 

Ob sich jemand noch schnell dort hingebeamt hat um dem Meeting noch für ein paar Minuten beizuwohnen?

Hier dauert alles kürzer, als man es sich vorstellen kann. Frau Life Sciences Schwester, wohnhaft in Deutschland, erzählt lachend am Telefon: „Stell dir vor, wir wurden zu einem Geburtstag eingeladen, der geht von 3 bis 5.“ „Das ist amerikanisch!“, platzt es aus Frau Life Science und es folgt Schweigen. „Ja“, sagt die Schwester dann, „Jetzt wo du´s sagst! Diese Familie hat tatsächlich in den USA gelebt.“
„Siehste.“

Zurück zum Inselleben. Das famose Family´s Network wurde kürzlich in neue fleißige Hände übergeben und die bisher sich verantwortlich Fühlende sollte im Rahmen einer nicht ganz so überraschenden Überraschungsparty vom „harten Kern“ verabschiedet werden. Tatsächlich hat Frau Life Science die Feier initiiert, aber alles was danach kam, entzog sich voll und ganz ihrer Kontrolle.

Die Feier wurde von 3 – 5 Uhr anberaumt. Also eigentlich von 5 – 7 Uhr, aber der Person, die die Einladung rausgeschickt und den Gemeinschaftsraum ihres Wohnhauses zur Verfügung gestellt hat (verfügbare Räume sind Gold wert over here), fiel einige Tage nach Absenden der Einladung ein, dass erstens der von ihr angebotene Raum zu dem Zeitpunkt bereits belegt war und sie zweitens höchstselbst noch eine andere Feier besuchen müsse, und zwar von 5 – 7 Uhr. No problem! We can reschedule, das können wir verschieben.

So etwa 520 Mails gehen hin und her. Einladungen, Nachträge zu Einladungen, Absprachen, Vorschläge und Gegenvorschläge, Geistesblitze. Frau Life Science fühlt sich verantwortlich für die Feier und schlägt dem Orga-Team vor, dass man sich am Tag der Feier entsprechend früher trifft, um die geplante Fotogalerie vergangener Network-Aktivitäten an der Wand anzubringen und überhaupt  die Feier vorzubereiten. VOR – BE – REI – TEN. Viele Leute wissen gar nicht, was das sein könnte. Die eine Mütter sagt, sie werde mal sehen, ob es ihr zeitlich reicht, früher zu kommen. Die andere Mutter sagt, sie denke eigentlich nicht, dass das nötig sei.

Aha.

Frau Life Sciences Vorstellung vom Ausrichten einer Feier (42 Eltern und Kinder werden erwartet), werden hier – übrigens zum wiederholten Mal und mit wechselnden Personenkonstellationen – auf den Kopf gestellt. Wie geht feiern? Dazu herrschen kulturell höchst unterschiedliche Vorstellungen.

Der Tag des Events ist da. Frau Life Science lässt es sich nicht nehmen, um 14.55 Uhr (fünf Minuten vor Beginn der zweistündigen Feier) in der Lobby des Hauses mit dem Festsaal aufzulaufen und er anderen Mutter zu texten, dass sie jetzt hier sei (Ist das unhöflich? Vielleicht ja.). „Coming“, schreibt die andere Mutter. Kurz zuvor hat sie auch noch eine Email an alle Gäste verschickt: Die geplante Feier finde jetzt, in 10 Minuten in ihrem Haus statt. Good to know!

Von der Lobby aus, die als Atrium gestaltet ist, kann Frau Life Science die verschlossene Tür des Festraumes im zweiten Stock (in Deutschland würde man 1. Stock sagen) erspähen, jedoch kann sie ohne Begleitung eines Hausbewohners nicht dorthin gelangen. Wie gerne würde sie im genannten Raum ihre vollen Taschen auspacken, den Blumenstrauß verstecken usw. Nichts zu machen, die vom front desk passen auf.

Um 14.58 Uhr treten drei Gäste, die offenbar in diesem Wohnkomplex wohnen, aus dem Aufzug und steuern den Festraum an. Sie wundern sich kurz über die verschlossene Tür und gehen wieder. Frau Life Sciences Zuruf von weitem, die Gastgeberin komme bald, hält sie davon nicht ab.

Um 15.01 Uhr schreibt die Frau, für die die Feier eigentlich veranstaltet wird (Haha, Überraschung!), dass sie sich gerade auf den Weg zum Treffen mache. Frau Life Science antwortet nicht darauf. Was soll sie auch sagen.

Es gelingt Frau Life Science, am front desk vorbeizukommen. Das bringt sie aber auch nicht weiter.

Um sieben nach 3 treffen der Lifescientist und der kleine Schatz ein. In Deutschland hätte Frau Life Science die beiden vielleicht gerügt, dass sie nicht pünktlich gewesen waren. Die Frau, die den Raum gebucht hat, ist immer noch nirgends. Die dritte Frau aus dem Orga-Team ist auch nicht da. Frau Life Science beobachtet nicht unerhebliche Stressymptome an der eigenen Person.

Kurz darauf trifft ein: Die Hauptperson, die überrascht werden soll. Weitere Gäste folgen. Man steht im Flur herum, begrüßt sich. Dann erscheint die andere Mutter mit dem Schlüssel. Sie entschuldigt sich kurz. Wir öffnen die Tür zum komplett leeren, unmöblierten Festraum. Es ist jetzt 15.15 Uhr. Die anwesenden Personen inklusive der zu feiernden Hauptperson klappen einen Tisch auf, ordnen die Speisen auf dem Buffet an. Die Hauptperson hat heimlich Kuchen gebacken (wie sie wohl darauf kam?). Ein paar Mütter dekorieren die Wand mithilfe von störrischem Tesafilm.

Die Feier nimmt ihren Lauf. Ein Großteil der Gäste trifft ein. Andere bleiben fern. Die Kinder spielen friedlich mit den von allen mitgebrachten Spielsachen. Ein Mädchen pinkelt auf den Teppich. Die Geschenke und eine kurze, aber spritzige Dankesrede von der dritten organisierenden Mutter verfehlen ihre Wirkung nicht. Mehrere Leute, die offenbar nicht miteinander intim sind, versichern sich: „I love you“. Einfach so, laut und  vor anderen.

Um 16.45 Uhr, also eineinhalb Stunden nach Öffnen des Raumes beginnt in Anbetracht der bevorstehenden Folgefeier im selben Raum das „Clean up“. Der Ehemann der heute „überraschten“ Frau staubsaugt stoisch den großflächigen Teppich. Und dann: Bye Bye.

Spätabends gehen unter den Organisatorinnen und der gefeierten Netzwerkfrau noch ein paar reflektierende Textnachrichten hin und her. Die mit der Dankesrede schreibt:

It was very nice and I enjoyed a lot just seeing people talking to each other and kids playing together. It is amazing how they understand the world. They have friends from many different places. We are very lucky to live on this island. We are a big family. Hugs to everybody. 

How the kids understand the world – Da ist was dran. Manchmal sind die einfachsten Sätze, die einen zu Tränen rühren können.

blumen
Blumenverkauf in einer Seitenstraße