(232) Touched by her beauty – Oder: Sabrina

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Irgend so ein Leutnant hatte Sabrina einst im Jahre 1857 dem hoch renommierten Almherst College in Almherst/Massachusetts gestiftet. Eine bronzene Statue der gleichnamigen Flussgottheit, neoklassizistisch, 130 Kilo schwer.

So ein spärlich bekleidetes Bronze-Fräulein provoziert natürlich. Schon in den 60ern des 19. Jahrhunderts hatte ein Student des Almherst Colleges die Idee, im nahegelegenen Mädchen-College Unterwäsche zu stehlen und Sabrina damit zu schmücken. Eigentlich besser als ganz nackt obenrum. Dennoch zog es eine schwere Strafe nach sich, als der Student aufflog. Und nicht nur den Studenten traf es hart: Am nächsten Tag hatte Sabrinas zartes Gesicht einen Schaden; eine Macke in der Backe, von einem Axthieb. Wer macht denn sowas!

Das war der Auftakt zu einem wechselhaften Leben. Sabrina wurde zu einer Art humanoidem Holbein-Pferd, das ständig heimlich neu mit Farbe übergepinselt wurde. Und das war noch harmlos.

Irgendwann 1877 ging die Klauerei los. Mal erschwand Sabrina für gut eine Woche, mal tauchte sie auf dem Dach des Octagons auf, einem achteckigen Gebäudes des Colleges. Als Ehrengast eines Klassenballs wurde Sabrina leibhaftig angeschleppt. Irgendwann wurde sie in einen Brunnen geschubst, wo man sie kaum wieder herausbekam.

Mit der Zeit wurde es dem College-Direktor zu bunt. Er bat den Hausmeister, Sabrina zu vernichten, damit ein für alle Mal Ruhe war mit der ganzen Aufregung. Befehl vom Chef ist Befehl vom Chef, aber das brachte der gute Mann dann doch nicht übers Herz. Er war zu „touched by her beauty“, zu sehr von der göttlichen Schönheit berührt, dieser Hausmeister, wie Wikipedia zu berichten weiß. Darum versteckte er die bronzene Lady bei sich im Schuppen unter einem Haufen Heu.

1887 fanden Almherst-College-Studenten sie dort, durch entsprechende Gerüchte waren sie draufgekommen. Mit einer Schubkarre befreiten sie Sabrina des Nachts aus dem Heuschober.

Zwischen den geraden und ungeraden Jahrgängen des Colleges herrschte traditionell eine starke Rivalität. 1891 gab es einenKlassenball, auf dem man Sabrina erscheinen ließ. Der ungerade Jahrgang, der 1893 Abschluss machen sollte, hatte sie damals in seiner Kontrolle. Nach der Feier sollte sie wieder in Boston versteckt werden (das ist noch ´ne Ecke weg von Almherst). Doch die 94er-Studenten, mit dem Wir-Gefühl des geraden Jahrgangs, scheuten keine Mühe. Einer gab sich überzeugend als legitimer Besitzer der Statue aus und konnte einen Post-Angestellten dazu bringen, sie ihm zu überlassen. Für diese Trickserei wurde dem Studenten mit Arrest gedroht, woraufhin er an Bord eines Dampfschiffs ging, das nach Europa fuhr, um der ganzen Aufregung erst mal aus dem Weg zu gehen.

Sabrina wurde regelrecht berühmt. Ihre Geschichte wurde in zwei Büchern festgehalten und in der New York Times konnte man über sie lesen. Sie erhielt ihre eigene Hymne. Und sorgte weiter für Geschichten, immer wieder Geschichten. 1919 geriet Sabrina in ein Autorennen, bei dem sogar Schüsse fielen und das in einem Unfall mit Verletzten endete.

1934 kehrte die bronzene Nymphe offiziell ins Almherst-College zurück. Doch sie fand keinen Frieden. Man glaubt es kaum: Sie wurde gar enthauptet und musste repariert werden. Die College-Verwaltung behauptete daraufhin, sie sei nun mit Beton aufgefüllt und mit dem Sockel verschweißt und somit überhaupt nicht mehr mit einfachen Mitteln zu transportieren.

Eine Weile war Ruhe. Dann kam ein Student dahinter, dass Sabrina doch innen hohl und keineswegs Beton enthielt. Mit einem Schweißbrenner trennte er die Statue von ihrem Sockel und entwendete sie.

Von da an wurde es zunehmend abgehoben. Sabrina wurde bei einem Baseball-Spiel der Colleges gesichtet. Ein Hubschrauber schleppte sie für alle sichtbar in einem Netz. Was für ein Abschlussstreich für diesen Jahrgang 1951!

Kein Wunder, dass diese Klasse Sabrina nicht vergessen konnte. Dem 25-jährigen Klassentreffen dieses Jahrgangs wohnte die gebeutelte Statue bei, vermeintlich sicher geschützt hinter Plexiglas. Doch drei maskierte Studenten, diesmal der zukünftigeAbschlussjahrgang 77, wie sich später herausstellte, stahlen sie erneut in einem aufsehenerregenden Coup, bei dem sie nicht davor zurückschreckten, einen Mitarbeiter an der Pforte zu fesseln. Geht´s noch? Sie spekulierten gar noch darauf, im Zweifelsfall diplomatische Immunität geltend machen zu können, denn sie hatten keinen geringeren als Prinz Albert Grimaldi, den heutigen Fürst von Monaco angeheuert, der selbst einer der Kollegiaten war. Auch dieser Jahrgang wurde von der Polizei geschnappt, noch ehe man mit Sabrina triumphierend über ein Footballspiel des Colleges fliegen konnte. Die Polizei hatte im Vorfeld alle lokalen Flughäfen oberserviert.

Ein paar Jahre später, 1984, wurde die Statue wieder geraubt. Inzwischen war das College koedukativ und erstmals wirkte eine Frau, eine gewisse Rosanne beim Diebstahl mit, gemeinsam mit einem Typen namens Bruce. Die ließen gleich mal einen Abguss von der Bronzeskulptur machen. Zweimal durfte Sabrina wieder Sportveranstaltungen des Colleges aus der Luft beobachten. „Hallo Sabrina, wie ist die Luft da oben?“

Nach einer längeren Ruhephase in Sachen Skulpturenklau gelang es dem Abschlussjahrgang von 2008, Sabrina erneut zu entführen. Man hatte herausgefunden, dass sie im Keller eines Studentenwohnheimes in Almherst gelagert wurde und veranstaltete aus diesem Grund ein pseudomäßiges Poker-Turnier in eben diesem Keller. Binnen 20 Minuten transportierten die Studenten Sabrina heimlich ab. Im Zimmer einer Studentin des Vassar Colleges im Staate New York wurde Sabrina versteckt.

So konnte man die Abschlussfeier 2008 im Glanz der Flussgottheit zelebrieren. Der College-Direktor appellierte an die Studenten des Jahrgangs, wenn sie Sabrina schon nicht zurückgeben würden, doch wenigstens gut auf sie aufzupassen. Das geschah auch. Man reparierte und pflegte Sabrinas über die Jahrzehnte gesammelten Blessuren fachgerecht und sie bekam sogar einen rollenden Sockel (Vielleicht, damit sie künftig leichter zu stehlen war?).

Als eben dieser Abschlussjahrgang fünfjähriges Jubiläum feierte, wurde Sabrina dem Almherst-College zurückgegeben. Doch noch auf dieser Feier wurde sie vom Jahrgang 2003, dem ungeraden („odd“), der zeitgleich Zehnjähriges feierte, einmal mehr entführt. Dort blieb sie aber nicht lange, die 2014er (“even“) schafften es noch in derselben Nacht, Sabrina an sich zu reißen.

Über 150 Jahre Studentenstreiche mit der unschuldigen Sabrina. Hört das denn nie auf? Und wo ist Sabrina heute?

“Sabrina’s whereabouts are currently unknown” heißt es. Über Sabrinas heutigen Aufenthaltsort ist nichts bekannt.

Aber da steht sie doch! Hier bei uns, auf good old Roosevelt Island! Direkt am Flussufer, wie es sich für sie gehört, und auf dem Gelände des Wohnkomplexes namens Octagon, das auf den Grundmauern einer historischen Psychiatrie errichtet wurde. War doch Sabrinas Original-Standort auch in unmittelbarer Nähe zu einem Octagon, einem achteckigen Gebäude des Almherst Colleges. Einer der beiden Architekten des heutigen Octagons auf Roosevelt Island war übrigens Bruce. Wer ist das denn? Der aufmerksame Leser weiß Bescheid.

Sabrina