(234) Thank you! – Oder: Ein Hoch auf die Daycare!

Buntes Getümmel im Gruppenraum. Ein Mädchen betrachtet ein Plastikauto. Es sucht sich die interessanteste Stelle aus, macht den Mund auf und beginnt am Auto zu lutschen.

„No, thank you!“, sagt die Erzieherin.

Nein danke? Was heißt das denn? Etwa: „Es ist zwar sehr freundlich von dir, das Auto zu lutschen, aber das muss nicht sein?“ Wo ist denn hier der Sinn? Dieses No, thank you, dämmert es Frau Life Science, ist Vorschrift im Child Care Center. Egal, ob es semantisch passt oder nicht. Schlicht „No“ wäre unhöflich, zu hart für zarte Kindergemüter. Dylan hauen? No, thank you! Jing Ho an den Haaren ziehen? No, thank you!

Frau Life Science versteht das im Prinzip. Sie kennt ja auch den Witz vom kleinen Peter, der sich in der ersten Klasse vorstellt mit „Mein Name ist Peter Lassdas!“. Wer will das schon? Andererseits: An das „No, thank you“ gewöhnt sich Frau Life Science nur schwer.

Aber sie hat nicht lange Zeit, darüber nachzugrübeln. Überhaupt braucht sie jede Minute, in der sie von der Betreuung der eigenen Brut freigestellt ist für das Lesen von Emails, die wiederum vom Child Care Center kommen. Es wird in diesem Land gemailt was das Zeug hält. Ich maile, also bin ich! Mailen ist atmen. Und es gilt als unhöflich, jemanden nicht in „CC“ zu setzen über irgendeinen Vorgang, mit dem er einmal vorrübergehend, früher einmal oder vielleicht in Zukunft zu tun hatte oder haben wird. Viel Mail um nichts. „Kennst du Wayne?“, hieß mal ein Flachwitz. „Wayne interessiert`s?“, lautete darauf die Antwort – Kein Wunder, dass es sich bei Wayne offenbar um einen Amerikaner handelte.
Das mit der Mailerei macht auch dem Lifescientisten zu schaffen in seiner Fabrik. Er kommt vor lauter wenig relevanter elektronischer Post gar nicht mehr zum Forschen und nach Hause auch erst spät. Aber das ist ein anderes Thema.

Der Child Care Center mailt und textet also in einem fort auf alle Endgeräte, was der kleine Schatz selbst oder seine Gruppe  heute gemacht hat – hierzu kommt eine gesonderte Mail – und was sie morgen gemacht haben werden, wo er gar nicht in Betreuung ist. Dazu wird mitgeteilt, welche Mitarbeiterin aus familiären Gründen ihren Urlaub verlängern muss, in einer zusätzlichen Mail, dass man den Vordereingang benutzen soll; später, dass die Chefin vertreten wird und dann, dass es heute einen Stromausfall gab, bei dem niemand in Gefahr war, und natürlich: „Con Edison is currently working on it“. Good to know! In einer  weiteren Mail kommt dann noch der Newsletter.

Daran sieht man: Es ist so viel los in diesem Center und es wird so viel gemacht. Besonderer Schwerpunkt liegt auf der Förderung der Selbstständigkeit. So wird zum Beispiel Wert darauf gelegt, dass die Kinder ihr Frühstücksgeschirr selbstständig in den Mülleimer werfen. Man kann nicht früh genug anfangen!

Das klingt jetzt alles ziemlich ironisch. Ist es auch. Und doch ist Frau Life Science so verdammt froh, dass es dieses Center gibt, dass sie´s gar nicht sagen kann. Das meint sie völlig ernst. Ein „Thank you“, ist das, ohne „No“.

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Per Email erfährt man: Das sind die Inhaltsstoffe der Cupcakes, zu denen ein Kind
seine Gruppe zum ersten Geburtstag übermorgen einladen möchte (0-18 Monate alte Kinder) Am vorderster Stelle: Sugar. Manch einer wird hier vielleicht sagen wollen: No, thank you.