(236) Das Arbeits-Paradoxon – Oder: Antworten auf ungestellte Fragen

Frau Life Science geht nicht arbeiten und arbeitet trotzdem. Was genau?

  1. Grocery Shopping (first of all)
    Es kommt ganz schön was zusammen, denn der Lifescientist hat immer Appetit und das Doktorle futtert seinen Eltern auch zunehmend die Haare vom Kopf. Die Wege (ohne Auto) sind recht weit, denn der Supermarkt auf der Insel kommt zum regelmäßigen Einkaufen der gesalzenen Preise wegen nicht in Frage. (Da Frau Life Science dort aber trotzdem immer Kunden sieht, wenn sie selbst nur ein Stück Ingwer oder einen Donut kauft, fragt sie sich, ob gerade wieder ein Film gedreht wird, und ob die Statisten mit den vollen Einkaufswagen auch im richtigen Leben hier einkaufen und falls ja, wie sie sich das verdammt nochmal leisten können).
  2. Putzen & Aufräumen
    In Tätigkeitsbeschreibungen von Nannies heißt das immer „light cleaning“. Hard cleaning gehört bei Frau Life Science allerdings auch manchmal dazu.
  3. Wäschepflege
    Hierbei gibt es viel Unterstützung vom kleinen Schatz. Bereits frühmorgens kommt er ans Bett und erinnert seine Mutter daran, baldmöglichst mit dieser Tätigkeit zu beginnen. Er kann es kaum erwarten. „Wäschwäsch!“ Dann werden wahllos (saubere) Klamotten aus Schubladen und Wandschränken gezerrt und in herumliegende IKEA-Taschen (gilt hierzulande allgemein als Wäschekorb) gestopft.
  4. Nachschubbeschaffung im Non-Food-Bereich
    Durchkämmen des lokalen „Schwarzmarktes“ nach immer wieder neuem, den aktuellen Spielinteressen entsprechendem Spielzeug sowie witterungsangemessener, mehr oder weniger passender Kleidung für das stetig wachsende Kind.
  5. Begleitung des Forschernachwuchses zu seinen außer Haus-Terminen.
    Story Time in der Library, Arztbesuche, Playdates, Spielgruppe. Die Liste ist lang.
  6. Kochen
    – oft, aber nicht immer. Wenn der Lifescientist kocht, muss Frau Life Science nur bisschen sauber machen. Das geht ruckzuck.
  7. Flicken, nähen, reparieren
  8. Sprachförderung 
    Zurzeit wird an Synonymen und Antonymen gearbeitet.
  9. Vieles andere mehr

 

 

 

light cleaning after cooking…

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Die „Maus“ und die andere „Maus“ wohnen im Regal über dem Esstisch.

 

 

Immer wieder kommt es auch vor, dass Frau Life Science gefragt wird, ob sie denn nicht arbeiten gehe und warum denn nicht. Oft werden diese Fragen auch nicht direkt ausgesprochen, sondern sie ziehen als quasi digitales Spruchband über die Stirn ihres Gegenübers wie „halal“ über einen Food Truck. Es liegt Frau Life Science fern, sich für ihre Faulheit zu rechtfertigen. Aber sie hat sich das schon mal überlegt.

Warum Frau Life Science nicht arbeiten geht:

  1. Der Lifescientist arbeitet für zwei, das wurde bereits an anderer Stelle erwähnt. Unter vielen alleinstehenden, kinderlosen oder einfach japanischen Forschern fällt er damit in dieser Stadt und in seiner Fabrik nicht besonders auf. Die Entlohnung entfällt übrigens nicht doppelt. Aber das ist ein anderes Thema.
  2. Frau Life Science läuft beruflich nichts davon. Als (bitte nuschelnd lesen) Beamtin genießt sie so etwas wie (noch nuschelnder) Beschäftigungsgarantie. Ein Umstand, denn sie gegenüber der internationalen Mutterschaft gerne unerwähnt lässt. Dass sie in den nächsten Jahren nicht mehr ausreichend Gelegenheit haben wird, kostbare Lebenskraft in das System Schule zu pumpen, ist nicht anzunehmen.
    Übrigens denkt Frau Life Science gerne an die Schule zurück, aber wenn sie ehrlich ist, nur noch selten. Und manchmal mit einem Aufatmen.
  3. Es lohnt sich finanziell schlicht nicht, arbeiten zu gehen. Alles, was Frau Life Science macht (siehe oben), muss dann jemand anderes übernehmen und das kostet auch Geld, insbesondere die Kinderbetreuung.
    (Siehe hierzu den Zeitungsbericht „Crushed by the cost of child care“)

Zur Veranschaulichung: Frau Life Science jobbt als Deutschlehrerin. Dafür muss sie abends vorbereiten und ist samstags viereinhalb Stunden außer Haus. Es gelingt ihr damit, einen der zwei Betreuungsnachmittage des Forschernachwuchses (beinahe) zu erwirtschaften. Da lässt man es besser mit dem Gegenrechnen.

Eventuell würde es aufgehen, wenn das Kind Vollzeit in Betreuung wäre, das fördert die Life Science-Fabrik und dann könnte sich Frau Life Science ebenfalls in Vollzeit betätigen. Allerdings ist „Lehrer“ nicht gerade der best bezahlte Job over here und meist werden auch von Deutschlehrern bessere Englischkenntnisse erwartet, als Frau Life Science sie zu  bieten hat. Und der kleine Schatz 40 Stunden pro Woche in der Daycare? Ach nö.

  • Es gäbe wahrscheinlich nur Probleme.
    Beispiel: Erzieherinnen messen 101 Grad Fieber. (Sie sind nicht bescheuert, sie messen in Fahrenheit). Daycare policy, nicht nur in den USA: Das Kind muss abgeholt werden. Wer macht´s??? Dreimal dürft ihr raten.

 

So ist das. Und ja, Frau Life Science ist zufrieden. Meistens.