(238) Bildung inklusive – Oder: Change of scenery

Nicht müde werden / sondern dem Wunder / leise / wie einem Vogel / die Hand hinhalten.

Vorangegangene Worte stammen von Hilde Domin, der Lieblingsdichterin von Frau Life Science. Mit dem Schreiben von Gedichten begann diese mit fast 40 Jahren fernab der Heimat: in Santo Domingo, der Hauptstadt der Dominikanischen Republik. Die Stadt, die dem Ehepaar ein jahrelanges Exil bot, während in Europa der Faschismus wütete, stand Pate für ihren späteren Künstlernamen: Domin. Dass ihre Verse gut waren, merkte die Lyrikerin übrigens daran, dass ihr Mann die Tür hinter sich zuknallte, nachdem er sie zum ersten Mal gelesen hatte.

Frau Life Science wird in den nächsten Tag ab und zu an die inzwischen verstorbene Domin denken. Wenn sie selbst aufs karibische Meer blickt, vielleicht ein paar Verse nachliest und versucht, hautnah nachzuempfinden, wie sich die Dichterin wohl gefühlt haben mag in diesem Paradies unter Palmen, und ob es damals eines für sie war. Hopplahopp! Jetzt oder nie! Die Koffer sind gepackt, und Schwimmwindeln eingekauft.

Oder ist es am Ende gar keine Bildungsreise, sondern ein all inklusive-Urlaub im fünf Sterne-Ressort, den Familie Life Science morgen antritt? Immer über die Kosten meckern und dann in die Karibik jetten? Wo bliebe denn da der Umweltschutz? Nun, das wäre wohl nicht der einzige Widerspruch im Leben der Frau Life Science.

Als Abschiedsgruß schickt Frau Life Science ein paar Aufnahmen von Origami-Kranichen, die sie bei ihrem letzten Besuch am JFK Flughafen entdeckte.
Sie sind dort von einer unbekannten Person mit Liebe zum Detail ausgesetzt worden.
Dass sie morgen noch dort sind, scheint unwahrscheinlich.