(246) Unschön – Oder: Proliferation

Hinter der Grund- und Mittelschule auf der Insel herrscht ein buntes Treiben. Hier gibt es jede Menge Essen, täglich wird neu geliefert, und viele sind gekommen. Es werden immer mehr und das Gelage geht bis tief in die Nacht hinein weiter.

Ja, müssen die Kinder denn da nicht schlafen?

Wer redet von Kindern?

Es sind Ratten, die sich da hinter der Schule tummeln! Quicklebendige, vermehrungsfreudige Nagetiere. Nicht nur abends und nachts, auch tagsüber werden sie gesichtet. Um die 30 Tiere kann man locker beobachten, wenn man eine Weile stehen bleibt. Sie haben ihre Höhlen am Fuße der Mauer der Schulkantine (!) gebaut und nur naive Menschen glauben, dass sie es nicht schaffen werden, früher oder später das Innere der  Kantine zu erobern. Wenn es nicht schon soweit ist.

Wie kann das sein? Tja. Warum dagegen noch nicht erfolgreich vorgegangen wurde, ist eine lange Geschichte. Es kommt mal wieder die geographisch bedingte und historisch gewachsene Sonderstellung dieser wunderlichen Insel zum Tragen. Komplexe Zuständigkeiten: Eine städtisch betriebene Schule auf staatlichem Grund (die Insel wird selbstverwaltet, es gibt sogar eine eigene „Polizei“, genannt Public Safety). Die Schulverwaltung hockt in Manhattan, aber die Müllabfuhr tuckert von Queens an. Gestörte Kommunikationsprozesse, eine Hand greift nicht in die andere (tut sie selten) und: die gute alte Vogel-Strauß-Vorgehensweise.

Aber von vorn. Ratten sind in New York bekanntermaßen keine Seltenheit. Hier auf der Insel, die von zwei Flüssen begrenzt wird, kommen sie auch durchaus vor. Der Hof hinter der Schule soll früher einmal gepflastert gewesen sein. Mit der Zeit wurden die Pflastersteine durch wuchernde Baumwurzeln angehoben. Darin hausten schon die ersten Ratten. Die Bäume wurden gefällt, auch um die Feuerwehrzufahrt freizuhalten (darin parken übrigens meistens die Lehrerkräfte, aber das ist ein anderes Thema).

Nun ist das Pflaster entfernt worden und die vertriebenen Ratten haben sich im lehmigen Naturboden neue „Apartments“ angelegt. Natürlich muss der Hof baldmöglichst gemacht werden. Die Bauarbeiten befinden sich derzeit  in der Ausschreibungsphase. Da kann man sich denken, wie lange das noch dauert (und aufs Gedachte nochmal mindestens ein Jahr Verschleppung addieren).

Warum gefällt´s den Ratten denn ausgerechnet in dieser Ecke so? Es gibt jede Menge Futter. Der Kantinenbetrieb der Schule produziert viel Abfall und dieser wird nicht wie in den meisten Gebäuden hier durch die fantastische Absauganlage entsorgt, sondern mit der Müllabfuhr abtransportiert, wie sich das für eine städtische Einrichtung gehört. Die Abholung des Mülls erfolgt offenbar nicht zuverlässig. Manchmal kommt tagelang keine Müllabfuhr. Ein gefundenes Fressen für das Ungeziefer! Mülltüten zu durchbeißen ist für Nagetiere die leichteste Übung.

Was ist  denn das für eine heruntergekommene Insel? Naja, es geht eigentlich! Aber Ratten in der Schule sind  in New York kein Einzelfall. Spuren von Ratten und anderem Viehzeug wurden bereits in mehr als einer öffentlichen Schulkantine gesichtet.

Was kann man gegen die Rattenplage tun? Diskutiert werden hier auf der Insel Müllbeutel mit Pfefferminzgeschmack – das mögen die Ratten nicht. Dagegen spricht, dass diese wegen der Kosten nicht genehmigt werden und dass sie nicht durchsichtig sind, und durchsichtig müssen sie sein, das fordert die Müllabfuhr. Auch rattensichere Mülltonnen sind von Seiten der Müllabfuhr nicht zulässig.

Eine Anwohnerin schlägt vor, eine Katze anzuschaffen. Vorteil: Die wäre rund um die Uhr aktiv.

Das Problem ist seit April diesen Jahres bekannt. Inzwischen fanden Begehungen und Sitzungen statt, die Rede ist von long-terme solutions, aber eben nur die Rede. Das Thema spaltet die Gemüter. Im Elternnetzwerk gibt es Streit. Vorwürfe und Gegenvorwürfe. Panikmache und Beschwichtigungen. Zynismus und Aggression. Eine Mutter schreibt, sie habe inzwischen weniger Angst, dass ihr Kind von Ratten gebissen wird, als vielmehr davor, dass das vergiftete soziale Klima den Kindern schadet. Und so kann man nur hoffen, dass sich in dieser Sache bald etwas tut.

 

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Deutlich erkennbare Löcher: Luxury Apartments für die wachsende Rattenkolonie an der Rückwand der Schulkantine. Guten Appetit.

 


! Nur für unempfindliche Zuschauer !
(Aufgenommen am Donnerstag, 25.5.2017 um 20 Uhr Ortszeit)