(269) Parent-child play – Oder: Erziehungsmaßstäbe

Zweijahres-Untersuchung, der TÜV für Kleinkinder. Beim Forschernachwuchs keine Beanstandungen. Direkt nach den empfohlenen Routine-Arztbesuchen (vergleichbar mit den „U“-Untersuchungen in Deutschland) erhält man immer altersgerechte Tipps zum Umgang mit dem Kind in schriftlicher Form, zusammengestellt von der „American Academie of Pediatrics“. Dort heißt es:

Parent-child play, where the child leads, is the best way to help toddlers learn to talk.

Frau Life Science gesteht an dieser Stelle: Parent-child play where the child leads macht dich fertig. Das ist so aaaanstrengend. Am Anfang ist es lustig. Aber schon nach fünf Minuten hat man genug.

„Affsteh‘ n, Mama! Sitt  daaaauuuun! Mama! No! No! Annereseite!

Und wenn man gerade denkt: genug gespielt, heißt es:

„ Nommaaaaal!“

Parent-child play where the child leads endet nie.  Besitzt man als Mutter die Frechheit auszusteigen, fängt das Kind an zu weinen, zieht und zerrt an einem und  schleudert  Spielzeug durch den Raum.

„Kennst du schon das neue Ballspiel?“, sagt der Lifescientist. „Nicht? Sei froh! Da musst du nämlich mit in den Abfallabwurfraum im Hausflur kommen. Der Forschernachwuchs sitzt dann auf der Ablagetheke und wirft einen Gummiball. Gleichzeitig musst du einen anderen Ball werfen. Die Bälle hüpfen im kleinen Raum von Wand zu Wand. Wenn sie fertig gehüpft sind, lässt sich das Kind von der Theke fallen und du musst es auffangen. Dann sammelt es die Bälle ein und geht es von vorne los“.
„Kenne ich noch nicht“, sagt Frau Life Science und macht sich Gedanken, was die vom  Housekeeping wohl dazu sagen.

Möglicherweise bleibt ihr dieses Spiel erspart, sie kann stattdessen von “leerer Handgepäcktrolley über die Main Street ziehen“ erzählen. (Dass sie so einen Quatsch in der Öffentlichkeit macht, ist ihr fast peinlich, aber nur fast, wenn sie sich bewusst macht, dass neulich ein Nachbar mit seinem dreijährigen Sohn in den Bus stieg, der neben einem T-Shirt nur eine Unterhose und Schuhe trug – also das Kind, aber das ist ein anderes Thema).

Wem das parent-child play where the child leads auf Dauer zu anstrengend wird, kann den Fernseher um Mithilfe bitten. Hierzu rät das ärztliche Infoblatt für frische Zweijährige:

Limit TV to 1-2 hours or less a day.

So viel hat der Forschernachwuchs in seinem ganzen Leben noch nicht geguckt. Keine Chance, da kein Fernseher vorhanden – aber trotzdem: endlich sagt’s mal jemand. Es muss schließlich Regeln geben! Frau Life Science findet, man könnte es ja so machen, wie es mit den Geburtstagsgästen für Kinderparties in Deutschland oft gehandhabt wird: Man darf so viel Gäste einladen, wie  man Lenze zählt. Mit zwei Jahren zwei Stunden, mit drei Jahren drei usw. Das heißt, bis man 16 Jahre alt ist, hat man immer noch das ein oder andere Stündchen Wachzeit zum Spielen oder Lernen.

spielhoelleIn einer Mall:  Halle mit Elektrospielen für Kinder, mit angeschlossenem Lunchbereich