(280) Freie Sicht – Oder: East River TV

Direkt am Wasser zu leben ist etwas Besonderes. Familie Life Science wohnt an einem Fluss, der keiner ist, und der kleine Schatz schaut beim Mittagessen Flussfernsehen. „Ferry boat kommt da“, ruft er aufgeregt.


Es kommt so einiges mehr vorbei: Polizeiboote, Speedboote, die eine oder andere Kajakflotte.

PolizeibootPolizeiboot

Wenn das Wetter nicht entsprechend ist, kommt natürlich nichts im Flussfernsehen.

nix

Aber Ansonsten: Freie Sicht.

Freie Sicht? Das kann es nicht geben, das darf es nicht geben in New York City.

Kürzlich war bereits ein kleiner Bagger auf der Wiese am Flussufer zu sehen. Bunte Fähnchen lassen ahnen: Baubeginn kann nicht mehr weit sein. Es muss hier wohl unbedingt noch eine aufgestellte Schuhschachtel her. Ein Apartment building, unten Front Desk, Fitnessraum, dann rund 20 Stockwerke mit One Bedrooms, Two Bedrooms, Studios. Oben Dachterrasse. Undichte Fenster und zweifelhafter Sonnenschutz. Fertig.

FahneVorbereitungen für die Baustelle?

Könnte laut werden. Vor allem, wenn sie die Fundamente in den Boden hauen, sagt die Nachbarin, die das Nachbarhaus aus dem Boden schießen gesehen hat.

Und dann gibt‘ s bald kein Flussfernsehen mehr. Und erst recht keinen Schlittenhügel. Aber dann wird Familie Life Science auch nicht mehr da sein. Jemand anderes wird aufs neue Nachbarhaus gucken.

Statt East River TV steht dann die Daily Soap „Nachbars Wohnung“ auf dem Programm. Die läuft auch schon bei Familie Life Science – im anderen Fenster. „Grüßt ihr euch eigentlich?“, fragte einmal ein Besucher. Denn man sieht wirklich genau, wie die anderen Leute leben. Richtige Gardinen hat ja keiner.

Nein, lacht Frau Life Science. Wir grüßen uns nicht.