(287) Urlaubsmängel – Oder: Kaptain Riesling lässt grüßen

Frau Life Siences Schwester reiste mit Familie über Weihnachten aus Deutschland an. Vier Tage zu siebt im One-Bedroom. Ist lustig, muss man mal gemacht haben. Truthahn vom Lifescientisten, Heiligabendgottesdienst in St. Paul’s für alle die, die Bock drauf haben. Vier Nächte Matratzenlager auf dem Fußboden. Warten bis das Bad frei ist (selten). Gute Gespräche, eisiger Wind.

Dann ein Flug zu den Bahamas, alle sieben. Eine Woche Urlaub im Warmen. Man hatte ein Privathaus gemietet, mit eigenem Pool für die Kids. Anschließend Rückflug nach New York, bzw. für den anderen Teil der Reisegruppe über New York zurück nach Deutschland. So der Plan. Der fulminante Abschluss eines strapaziösen Jahres.

Ein Taxi setzt die Reisegruppe in der Nähe der Hauptstadt Nassau auf Providence Island ab, wo das Ferienhäuschen steht. Nicht das Allerneueste, aber in Ordnung. Auf einmal hat wieder jede Familie ein Zimmer und keine Wartezeit mehr an der Badtür. Die Kinder lieben den Pool. Mildes Klima, nie zu heiß. Kann man nicht meckern. Oder doch?

Frau Life Science hasst Leute, die über Urlaubsmängel jammern. Sie denkt an ihre Hochzeitstreise. In Bodrum saß ein Teilnehmer, Kaptain Riesling genannt (er trug eine Kapitänsmütze, die er eigentlich seinem bereits erwachsenen Sohn als Urlaubsouvenir mitbringen wollte und hatte eine Vorliebe für den genannten Rebsaft ) auf einem Mäucherchen und war nicht bereit in den Kleinbus einzusteigen, worin der Rest der Reisegruppe wartete. Der Fahrer war nicht pünktlich gewesen. Es gab aber auch kein Durchkommen für Fahrzeuge, weil die Straße kurzfristig gesperrt wurde. Interessierte den Kaptain nicht. Sein liebster Satz: „Ich habe doch dafür bezahlt.“
„Wir stehen kurz vor der Scheidung“, keuchte die Ehefrau mit polnischem Akzent, als sie alleine in den Kleinbus kletterte.

Frau Life Science hat zwar noch nicht bezahlt, möchte aber folgende Urlaubsmängel zu Protokoll geben:

1.
Direkt am Haus: eine stark (übrigens links) befahrene Straße, die fast täglich zu überqueren ist. Kilometerweit kein Zebrastreifen oder Fußgängerübergang. (Warum? Weiß das jemand? Ist das genau wie dieser Linksverkehr etwas, das man nicht so leicht ändern kann, zum Beispiel durch Aufmalen von Streifen auf den Asphalt?)
Man hat als Fußgänger so lange zu warten, bis ein Autofahrer genügend Mitgefühl empfindet um anzuhalten. Dann kann man bis zum Mittelstreifen vortreten und auf einen weiteren Autofahrer mit guter Laune hoffen. Ein Riesenspaß mit kleinen Kindern! Ebenso wie ein Zebrastreifen ist auch kein Gehweg vorhanden. Worin eine gewisse Logik liegt.

2.
Der Preis der Unterkunft lässt das Fehlen von Mobiliar nicht vermuten, aber im Ferienhaus gab es keinen Tisch. Auf Anfrage via WhatsApp bringt der Vermieter einen großen Klapptisch, brandneu und gerade aus dem Laden getragen, mit Stühlen. „Yo man“, sagt er, hilft beim Auspacken und ist schnell wieder weg. Muss wohl dringend ins Fitnessstudio.

3.
Der gelieferte Tisch kommt draußen zum Einsatz. Einmal sitzen alle beim Frühstück, da treten zwei Männer auf das Privatgelände und spitzen eine Palme um. Ohne Erklärung, ohne Vorwarnung. Schließlich packen sie eine Motorsäge aus und bearbeiteten den Palmstumpf. Die Urlauber treten zur Seite. Es staubt und riecht nach Benzin. Den Kindern fallen die Augen aus dem Kopf. Action pur. Spätestens jetzt wäre Kaptain Riesling abgereist.

4.
Die Selbstversorger haben Versorgungsprobleme. Der Supermarkt, mit Taxi oder besser mit dem durchaus charmanten, lokalen Abenteuerbus zu erreichen, hat ein Preisniveau, das New York noch übertrifft- kein Wunder, dass Frau Life Science bei jedem Einkauf von Supermarktbesuchern nach Dollars gefragt wird. Qualität und Auswahl werden unterboten. Schimmliges Brot, matschiges Gemüse.

Essen zu kochen: ein schwieriges Unterfangen. Dem Lifescientisten gelingt es mit einem einzigen Topf und einer kleinen Pfanne ohne Nudelsieb das eine oder andere Abendessen für sieben Leute zu kreieren, das allen schmeckt. Ein tägliches Rührei von Frau Life Sciences Schwester legt morgens die Grundlage für den Tag.

Ob der schwierigen Einkaufslage wird mehrfach der Versuch unternommen, auswärts essen zu gehen. Es stehen diverse Fast Food-Optionen zur Verfügung. Zumindest theoretisch.
Einmal bestellt der Lifescientist eine stinknormale Pizza und erhält das, was in Germany als Minipizza (9 Stück in einer Schachtel) gilt und von dessen Nährwert nicht einmal der Forschernachwuchs satt geworden wäre (Der Lifescientist muss abnehmen, aber so deutlich hätte man‘ s nicht zeigen müssen).

In einem anderen Lokal wird von allen die Bestellung aufgenommen. Als der Kellner nach einer Viertelstunde wieder kommt, erfährt man, dass es das eigentliche Hauptgericht dieses Lokals heute nicht gibt. Kann ja mal vorkommen. Einmal? Zweimal! Die Reisegruppe steht auf und sucht ein anderes Restaurant auf.

5.
Am letzten Tag kommt‘ s knüppeldick: Es regnet. Darf es das? Auf den Bahamas? Kaptain Riesling hätte wetter.com verklagt. Hilft alles nichts, da muss man durch. Den gelieferten Tisch nach drinnen tragen. Grund erkannt, warum das Haus keinen Tisch hat: es ist zu klein. Zwei Kleinkinder stundenweise  im geschlossenen Raum belustigen. Die Große ist im Wasserpark. Eine mörderisch steile Treppe zu den Schlafgemächern. Das fahrlässige Nichtbereitstellen von völlig identischem Spielzeug für die beiden Kinder verursacht spektakuläre Eifersuchtsszenen. Alle haben kein Bock mehr. „Geh‘ ma Landung“, sagt der Forschernachwuchs. Er will heim.

Geh ma Landung??? Das ist nicht nur ein Cliffhanger, sondern der sechste Urlaubsmangel. Dass man nicht heim darf.

 

strand
Ein Kreuzfahrtschiff macht die Biege: zu viele Urlaubsmängel auf Providence Island.