(288) First World Problems – Oder: Zwangsurlaub

Es mag naiv sein, aber Frau Life Science hat nicht gewusst, dass einem so etwas passieren kann: Dass einem ein gebuchter Rückflug wetterbedingt abgesagt wird und man keinen zeitnahen Ersatz kriegt. Nicht heute, nicht morgen und nicht übermorgen. Auch nicht überübermorgen. Erst in 5 Tagen. In Worten: F Ü N F . Denn für den gestrichenen Flieger wird kein neuer geschickt. Die Passagiere werden auf die bereits vorgesehenen Flüge verteilt.

Keine Alternative, kein anderes Verkehrsmittel. Für kein Geld der Welt
(Ok, fast keines. Ein Privatjet hätte vielleicht geholfen).

Gibt Schlimmeres, sagen die meisten. Auf den Bahamas festhängen?!  Ihr Armen…!

Aber der Reihe nach.

Bereits auf dem Weg zum Flughafen Nassau war bekannt, dass der Flieger Verspätung haben würde. Bangen um den Anschlussflug für die in Deutschland Lebenden. Wird es noch reichen? Ein bisschen knapp war es von Anfang an.

Knapp sind jetzt auch die Dollars, die jetzt noch vorhanden sind. Nicht eingerechnet hatte man: Auf den Bahamas kostet die gleiche Fahrt in die eine schon mal fast doppelt so viel wie in die andere Richtung. Zumindest, wenn man dem vom Vermieter empfohlenen Fahrer glaubt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Stunde um Stunde wird der Abflugzeitpunkt des Fliegers nach vorne verschoben. Die Verspätung ist schon fast länger, als der Flug eigentlich  dauern soll. Der Anschlussflug nach Deutschland hat sich längst erledigt. Der Schwager hängt ständig am Handy, um seine Anschlussflüge zu für vier Personen von Donnerstag auf Sonntag zu verlegen. Hold the line, please…. Das wird teuer!

„Klar, könnt ihr noch mal bei uns unterkommen“, sagt Frau Life Science, und ärgert sich, dass sie die Betten schon abgezogen hat. Gedanklich geht sie das Gefrierfach durch.

Das Patenkind weint. Die Schule! Die Geburtstagsparty von der besten Freundin! Dann taucht sie ab in die Welt der digitalen Kinderunterhaltung.

Einige Zeit später. Die Getränke sind weggeschüttet, die Sicherheitskontrolle passiert. Der Einreisestempel für die USA steht schon im Pass, denn das wird einfachheitshalber schon auf den Bahamas erledigt. Da wechselt die digitale Fluganzeige von „delayed“ auf „cancelled.“ Einfach so.

Die betroffenen Passagiere werden zu einem Infodesk bei Dunkin‘ Donuts gebeten. Dort folgen sie einem Mitarbeiter zu einem Haufen Koffern in einem Flur hinter den Kulissen der Flughafenhallen. Sie suchen ihr Gepäck heraus. Erfahren, dass es in fünf Tagen weitergeht. Mehr nicht. Kein Tipp, keine Beratung, keine Hilfe.

Verwirrung innerhalb der siebenköpfigen Reisegruppe. Keiner ist bereit, die Situation so zu akzeptieren. Da muss man doch was machen können. Es ist eine Firma zu leiten, Mandantentermine, Forschungen sind zu betreiben, die Geburtstagsfeier für die Kleine abzuwickeln. Brezeln sind bestellt, Gäste geladen. Frau Life Science müsste, das große Kind will in die Schule, die Schwester ins Büro. Ein Augenarzttermin ist seit Wochen ausgemacht. Lauter Wichtigkeiten und Nichtigkeiten. Das Leben von jedem einzelnen in den nächsten Tagen ist hundertfach festgezurrt.

Was nun? Zurück ins Ferienhaus? Yo, man! Der Vermieter wüsste sicher, wie er aus dieser Zwangslage Kapital schlagen könnte. Aber wäre das Haus überhaupt frei? Würde er Besen und ein Kehrschaufel bringen? Es sieht doch jetzt aus wie Sau. Was würde man bei diesem Regenwetter in dem kleinen Wohnzimmer mit den Kindern tun? Noch fast eine Woche von dem fragwürdigen Supermarkt leben? Oder von Pizza Hut? Und wer verdammt bezahlt diesen ganzen Mist? Der Kunde? Das kann doch alles nicht wahr sein. Wenn man eine Woche Urlaub plant und statt dessen fast zwei bleiben muss, kostet es es halt auch fast das Doppelte. Da haben wir s wieder: Frau Life Science jammert übers Geld.

Der Schwager sucht auf seinem Tablet fieberhaft nach alternativen Flugrouten. Genug Reiserfahrung hat er ja. Wie kommt man hier bloß weg. Miami? Fort Lauderdale? West Palm Beach? Oder gibt es vielleicht eine Fähre? Geh mal fragen, Lifescientist!

Frau Life Science versucht inzwischen die Kinder zu unterhalten. Nach einigen Stunden ist das Flughafengebäude nun fast leergefegt, man kann nun auch die Leih-Rollstühle zum Spielen benutzen, es interessiert plötzlich niemanden mehr. Einige Stunden zuvor war Frau Life Science die Nutzung eines solchen noch untersagt worden. Nun schlagen sich die Kinder darum, wer Frau Life Science im Rollstuhl schieben darf. Am Schluss hilft nur noch „Puppenmama“ auf Youtube in der Dauerschleife. Der Lifescientist sagt nichts dazu.

Aufgehört zu essen hat Letzterer auch. Kein gutes Zeichen. Beharrlich bietet die Life Science-Schwester von ihrem Vesper an. „Nein danke“, brummt der Lifescientist. Er hat eindeutig zu viel von den Bahama Blend Sweet Rolls gehabt diese Woche. Er kann sie nicht mehr sehen.

Viel hat nicht gefehlt und Frau Life Science wäre in den Genuss eines zehnstündigen Road Trips mit einem Mietwagen gekommen, um von einem US-Flughafen zum anderen und auf diesem Weg nach New York zu gelangen. Dann hätte sie doch noch etwas von den USA gesehen. Aber auch dieser Hoffnungsschimmer auf ein früheres Heimkommen zerschlägt sich. Vielleicht besser so, denken die Reisenden hinterher.

Vorläufiges Akzeptieren der Lage (genau das ist ja die hohe Kunst). Es ist schon nach acht. Höchste Zeit für eine Unterkunft. Ein Resort ganz in der Nähe scheint noch ausreichend Zimmer frei zu haben. Online buchen lassen sie sich nicht. Es wird ein verfügbares Taxi gesucht, eher ein privates Auto, die Unterschiede sind ja fließend, und auf Verdacht hingefahren. Zu sechst auf dem Rücksitz: zwei Kleinkinder sitzen auf dem Schoss. So steuert die ausgelaugte Reisegruppe das Resort an.

Sie haben dort tatsächlich noch Zimmer frei. Eine Pizza kurz vor Restaurantschluss. Ein sauberes Zimmer, ein weißes Bett. Mehr braucht man nicht mehr nach achtstündigem Warten am Flughafen Nassau.

Nachts wacht das Kind auf und kreischt nach Milch. Es gibt keine. Wasser auch nicht.  Frau Life Science fängt hysterisch zu weinen an. Sie kann jetzt keine Probleme mehr lösen. Schon gar nicht etwas, das mit Nahrung zu tun hat. Sie will Leitungswasser reichen, so schlimm kann das doch nicht sein. In den USA kann man das im Prinzip ja auch trinken. „Auf keinen Fall!“, sagt der Lifescientist. Er klaubt die letzte Dollarnote  und geht zum Getränkeautomaten vor der Tür. Das Kind ist in Rage. Dann kriegt es Sprite.

Am anderen Morgen: Erkundungstour. Die Unterkunft ist eine Mischung aus Hotel und Selbstversorgerapartment. Im Schrank steht eine blitzblanke Auflaufform, in der Schublade überrascht ein waschechtes Rührgerät. „Wir können einen Kuchen backen“, schlägt das vorauschauendeSchulkind vor, für die kleine Schwester, die ihren dritten Geburtstag hat, mitten im Zwangsurlaub. Spülmaschine, Mikrowelle, alles da! Gemeinschaftswaschmaschine gegen eine kleine Gebühr! Das ist ja wie zuhause.

Das örtliche Lebensmittelfachgeschäft, eine Viertelstunde Fußweg, gehört derselben Kette an wie das am vorigen Urlaubsort, ist aber so günstig wie in New York. Und hat eine normale Auswahl zu bieten. Eine Erleichterung. Angebettelt wird man auch nicht.

Es ist so herrlich entzückend im neuen Resort. Geschäftstüchtige Bauleute haben das Meer angezapft und kleine Wasserwege angelegt, sodass Urlauber und reiche US-Rentner mit Booten zu ihren Häuschen schippern können. Ein Rieseneingriff in die Natur. Leider schön. Überall Brückchen, Bänkchen, Wässerchen. An jeder zweiten Palme eine Hängematte für schaukellustige Urlauber. Im Gehweg hat jemand meterlang regionale Pflanzenteile in den nassen Beton gedrückt. Ein begehbares Relief zur Freude der Feriengäste.

Es tut gut, diese Liebe zum Detail. Endlich Urlaub! Frau Life Science will‘ s auch mal ein bisschen schön haben. Hässlich und stinkend hat sie schon zuhause.

Und so versucht sich die Reisegruppe an der Schönheit der Anlage zu erfreuen. Das Wetter hat deutlich abgekühlt. Eine Frau aus Costa Rica ist stinksauer. Bei ihr zuhause its immer warm. Aber Urlaub im eigenen Land kann sie sich nicht leisten, sagt sie. Nachdem sie am ersten Tag noch mit großzügig ausgeschnittenem Badeanzug unterwegs ist, wird sie am nächsten Tag mit Anorak gesichtet. Dann verschwindet sie ganz.

Der Lagerkoller ist nicht weit. Die Kinder zanken sich ständig. Der Forschernachwuchs zeigt sich nicht gerade von seiner besten Seite. Die Luft ist raus. Die Große macht Hausaufgaben aus WhatsApp-Fotos und mit Druckerpapier von der Rezeption. Am letzten Tag des Zwangsurlaubs regnet es wieder. Zeit nach Hause zu gehen. Noch nie so auf New York gefreut!

Die Fluggesellschaft stellt einen Ersatzflug über Fort Lauderdale nach New York. Als Familie Life Science endlich völlig erschöpft zuhause ankommt, hat die andere Hälfte der Reisegruppe den größten Teil ihrer Reise noch zu bewältigen. Ein Atlantikflug, eine Zug- und eine Autofahrt liegen noch vor ihnen.

 

 

 

Zwangsurlaub im Paradies.

Email der Fluggesellschaft:

Dear Lifescientist,

Winter Storm Grayson was one of the most intense storms to impact the Northeast in decades with airport closures across the Northeast and Mid-Atlantic along with thousands of flight cancellations. I realize that your flight was impacted by the storm and understand how challenging delays and cancellations can be for our customers.

I’d like to take a moment to thank you for your patience and understanding throughout this event.

On behalf of all of us at JetBlue, we would like to thank you for choosing JetBlue. We look forward to welcoming you onboard again soon!

Sincerely,

XXXXX
Director, Customer Support
JetBlue