(289) Boardinghouse for Kids – Oder: warum Frau Life Science frühmorgens ungefrühstückt und mit ungeputzten Zähnen durch Manhattan stolpert

Die dunkle  Seiten des Auslandslebens: wenn der Schwiegervater stirbt. In Deutschland. Nicht bei Frau Life Science, Gott bewahre, sondern bei einer Mütterfreundin.

Diese Mutter trifft eine verdammt mutige Entscheidung: Sie reist mit zur Beerdigung (das ist noch nicht der mutige Teil) und lässt die Kinder (4 und 6 Jahre) hier. Zwei Kinder allein in New York! Also halt bei Freunden. Es sind nur zweieinhalb Tage, aber es sind zweieinhalb Tage.

Frau Life Science versteht nur zu gut, dass man bei einer Beerdigung und bei allem, was damit verbunden ist  keine zwei gejetlagte Kinder gebrauchen kann bzw. umgekehrt: Wenn man seinen eigenen Jetlag verwaltet plus den der Kinder (Merke: Kinder sind nie zur selben Unzeit fit wie du selbst)  ist das Letzte, was man leisten kann, noch der Besuch eines Begräbnisses.

Frau Life Science  ist diejenige, bei der die Kinder auch einmal übernachten. Hier kennen sie sich aus, hier sind sie schon oft aus- und eingegangen.

Mitsamt dem Forschernachwuchs holt Frau Life Science die Besuchskinder am vereinbarten Tag bei einer Schule ab, die ein bisschen Kindergarten und ein bisschen Hort ist. Sie nehmen die Buslinie 15 in Richtung Tram. Kinderwagen falten, Kinder in den Bus rein scheuchen. Die Fahrt ist kurz und knackig und nicht lang und einschläfernd wie nach der deutschen Schule. Prompt verpasst Frau Life Science den Ausstieg. Da muss sie mit drei Kindern zurückgehen. „Lasst uns froh und munter sein“ und „Stille Nacht‘, das kann man auch  im Januar noch singen, in Manhattan interessiert das keinen und so schaffen die Kinder den kleinen Umweg locker und ohne Jammern.

Zuhause gibt’s Dinner, viel Zeit zum Spielen bleibt dann nicht mehr. Das eigentliche Parenting scheint in New York auf der Straße zu liegen (ob nun mit Umweg oder nicht). Wer sein Kind liebt, der begibt sich auf einen Commute. Die siebenjährige Cousine vom Forschernachwuchs hat es da leichter in der deutschen Kleinstadt. Sie sagt morgens „Tschüss Mama!“ und läuft zur Schule. Der Rektor besteht drauf, dass die Kinder eigenständig herkommen. Willkommen auf Bullerbü.

Wegen dem Commute ist in New York aber schon gleich wieder Schlafenszeit, denn morgen in aller Frühe geht es wieder los.

Während Frau Life Science die Besuchs-Kinder auf dem Weg ins große Ehebett begleitet, überrascht der Forschernachwuchs mit adäquatem Verhalten. So etwas geschieht nicht immer, aber doch immer wieder, wenn es drauf ankommt. Er hält sich unaufgefordert im anderen Zimmer auf und „liest“ sich selbst laut  Bücher vor. „Sometiiiiiimes…“, referiert er, um dann in Fantasiesprache die weder Englisch noch Deutsch ist,  zu berichten, was sich offenbar „sometimes“ ereignet hat. „Na sowas“, denkt Frau Life Science und geht zurück ins Schlafzimmer, um sich wieder um die kleinen Gäste zu kümmern.

Ja, warum bringt sie denn nicht alle drei gleichzeitig ins Bett? Weil der Forschernachwuchs jünger ist – und später ins Bett geht, ist doch logisch.

Dann kommt der Lifescientist nach Hause. „Wer ist das jetzt?“, wollen die Gastkinder wissen. „Aber das ist doch der Lifescientist, kennt ihr den denn nicht?“, wundert sich Frau Life Science. Dabei kennen sie doch sonst alles hier, jede Schublade und auch schon das neue Süßigkeitenversteck.

Frau Life Science hat sich in dieses Projekt voll reingehängt. Sie ist nicht alle Tage Adoptivmutter. Sie hat das Schlafzimmer geräumt, Kuscheltiere drapiert, Plakate geklebt und Snacks gerichtet. Vielleicht hat´s geholfen, die Kinder weinen jedenfalls nicht. Sie haben ja auch immer noch einander.

Und das Projekt ist gut gelaufen. Vor allem dank der beteiligten Kinder. Nur ein relativ kleiner Wutanfall vom Forschernachwuchs, als Frau Life Science die halbwegs ausgeschlafenen, angezogenen, gekämmten, gefrühstückten und mit Snack verpflegten Besuchskinder in SEINEM Kinderwagen aus der Tür schiebt. Ohne ihn. Er soll Lego mit Papa spielen. Wäre auch nicht zu schaffen gewesen, die Tram um 7:15 Uhr mit drei Kindern zu kriegen. Zwei reichen. Jede Minute zählt!

Das eine Kind nach A, danach das andere nach B bringen, und dann ist Frau Life Science fix und fertig. Sie hat noch nichts gegessen, vom Zähne putzen ganz zu schweigen und sie ist froh, dass sie jetzt nicht in irgendein Büro muss, sondern nur noch das dritte und letzte Kind, ihr eigenes, in die Kita bringen und dann ins nun wieder eigene Bett kriechen kann.

Jetzt überlegt Frau Life Science, ob sie ein Kids Boardinghouse eröffnet, eine Pension für Kinder. Das würde sicher auch LeAnn gefallen. Did you know, LeAnn? We specialize in sleepovers now…

 

bett.jpgHerzlich willkommen im Boardinghouse for Kids