(298) Zeichen der Freundschaft – Oder: Sayonara, til we meet again

Das ist die Tragik des Expatlebens. Immer, wenn man sich an jemanden gewöhnt, sich aufeinander eingeschwungen hat, macht derjenige schon wieder den Abflug.

Genaugenommen ist es sogar so, dass gerade kurz bevor die Heimreise ansteht, sich eine Freundschaft noch intensivieren kann. Weil man sich der „letzten Chance“ bewusst ist. Man vereinbart häufiger Treffen, man öffnet sich dem anderen mehr, ich  zeigt mehr Gefühle. Emotionales aus dem Fenster lehnen.

So ist es auch mit Frau Schnee. Frau Schnee ist auch eine Lehrerin. Das wäre die erste Gemeinsamkeit. Was Frau Life Science und Frau Schnee noch verbindet: dass ihnen ihr jeweiliges Söhnchen zu erziehen, ihr eines und einziges, manchmal fast zu fordernd vorkommt, bei aller Liebe. Und dass beide das Gefühl befreiend empfinden, das einfach mal aussprechen zu dürfen.
Außerdem teilen sie die Freude am Selbermachen, in der Küche, am Basteltisch (es tut gut, etwas mit sichtbarem Ergebnis tun zu können, neben der oft unsichtbaren Tätigkeit als Familienmanagerin).

Die Freude am selbst Gestalten führte auch zu einem Kalligraphie-Workshop am  heimischen Esstisch von Frau Schnee, denn Frau Schnee kennt sich da aus. Was Frau Life Science dabei lernt: Dass es genauso schwierig ist, wie es aussieht, mit dem schwarzen Pinsel elegante Tuschestriche auf ein Reispapier zu zeichnen. Nicht nur, weil man keine Ahnung von japanischen Schriftzeichen hat.

Korrigieren verboten! Nidogaki  (nido = zweimal, gaki = schreiben) – das macht man nicht und das ist der Knackpunkt bei der Sache. Frau Life Sciences Schriftzüge sind zwar alles andere als perfekt, auch was Nidogaki betrifft, auf Fotos wird deshalb an dieser Stelle verzichtet. Die Werke können aber im gerahmten Zustand bei Frau Life Science besichtigt werden.

Die Freundschaft mit Frau Schnee ist auch eine Emailfreundschaft. Man wohnt zwei Häuser weiter und kann kaum den Fuß aus dem Haus setzen, ohne sich zu treffen, aber man schreibt Emails. Weil jeder dann, wenn er gerade mal Ruhe hat, ein paar Zeilen schreiben und einen Gedanken zu Ende führen kann, was im persönlichen Zusammensein wegen der Unterbrechungen durch die lieben Kleinen nicht immer möglich ist. Auch wegen der Sprachbarriere, die in diesem Fall eindeutig bei Frau Life Science liegt, denn Frau Schnee hat ihr Englisch perfekt im Griff.

Das letzte offizielle Zusammentreffen von Frau Schnee und Frau Life Science findet bei Frau Life Science statt. It´s her turn, dieses Mal, und es ist Frau Schnees letzte Woche in New York City. Zum Lunch bringt Frau Schnee noch ihre ebenfalls japanische Freundin mit. Frau Life Science hat einen Pizzateig belegt, den der Lifescientist am Vortag gerichtet hat. An diesem Mittwoch, noch im Februar, wird im Garten gespeist, denn die Außentemperatur beträgt 26 Grad Celsius. Ein Sommertag quasi. Das muss das Abschiedsgeschenk an Frau Schnee sein, die den Sommer liebt – besonders in New York.

„I will never forget today´s Pizza party“, schreibt die Freundin von Frau Schnee anschließend, und sendet Fotos, die beim lebenslangen Merken helfen. Hat man auch schon einmal so ein Kompliment bekommen?

Das größte Kompliment aber war, dass das Kind von Frau Schnee das ihm zugedachte Pizzastück im style „plain“ fast restlos aufgegessen hat, obwohl es eindeutig zu lange im Ofen war. Nur wenig länger und es hätte die Farbe von Kalligraphie-Tusche angenommen. Aber auch die Damen haben ordentlich zugelangt zwischen dem Fotografieren. Es war eine Freude!

Und dann überreicht Frau Schnee ein Geschenktüte voller Nettigkeiten. Ein Farewell Gift. Unter anderem ist das ein Buch, über das sich Frau Schnee und Frau Life Science öfter ausgetauscht haben, und zwar die gelesene Ausgabe. Wer Frau Schnee kennt, der weiß, dass es mehr als ein Buch ist, was sie hier weitergibt.

Frau Life Science erhält außerdem – und das verblüfft sie wirklich  – eine handgefertigtes Werk von Frau Schnees Mutter, einer passionierten Kalligraphie-Künstlerin , das sie eigens für sie angefertigt und aus Japan – just in time – nach New York geschickt hat. Hat man da noch Worte? Der Kalligraphie-Workshop, aus dem die Geschenkidee wahrscheinlich geboren war, ist doch erst wenige Wochen her!

Jetzt muss sich Frau Life Science aber ranhalten, was ihr Abschiedsgeschenk angeht. Zum Glück hatte sie schon angekündigt, dass es noch nicht fertig sei. Was aber jenseits der Geschenkfertigstellung schon mal fällig ist, ist eine kleine Dankeskarte an die Mutter von Frau Schnee. Darin lobt Frau Life Science die Kalligraphie. In Gedanken an die Freundin von Frau Schnee („I will never forget today´s lunch party“) kommt  ihr der Mut, über die Kalligraphie zu schreiben: „I will keep it forever.“ Das wird sie ja auch.

Am Ende der Woche muss noch ein Haushaltsgegenstand von Frau Schnee gegen eine Geschenktüte von Frau Life Science getauscht werden (unter nicht unerheblicher Hirnverrenkung hat Frau Life Science versucht Geschenke zu finden, die wenig Raum im Gepäck einnehmen, aber dennoch von Bedeutung sind. Und sie wäre nicht Frau Life Science, wenn ihr nicht wenigstens etwas eingefallen wäre).

Dann wird der Forschernachwuchs plötzlich krank, Grippe vielleicht, Fieber jedenfalls. Ein persönliches Treffen mit einem akut fiebrigen Kind mitten in der New Yorker Grippewelle verbietet sich wegen der Ansteckungsgefahr. Frau Schnee hat 14 Stunden Flug vor sich. Wie wenn man nach Deutschland fliegen würde und am Ziel ohne auszusteigen nochmal zurück müsste. Und das mit aktivem Kleinkind. Was man da am allerwenigsten brauchen kann, sind Infekte.

Aber man hat sich ja ohnehin schon in aller Form verabschiedet. Der „Sommertag“ im Garten ist die beste Erinnerung.

Frau Life Science wickelt den Güteraustausch an Frau Schnees Front Desk ab: Geschenk gegen Luftbefeuchter. Das kranke Kind sitzt im Wagen, da ertönt ein Rufen. Am Ende des langen Flurs steht Frau Schnee. Sie hat Frau Life Science gezielt abgepasst, das ist eindeutig. Man winkt sich. Sich nochmal drücken ist jetzt nicht. Nochmal umdrehen höchstens, noch einmal winken. Frau Schnees Silhouette, bunte Kleidung heute, ihre charakteristische Frisur, die ihre New Yorker Frisur ist, daneben ihr kleiner Sohn.

Vielleicht hat man sich genau jetzt und genau so das letzte Mal im ganzen Leben gesehen. Ist das nicht traurig?

Klar, jeder hat sein eigenes Leben und jeder hat schon genug Freundschaften. Mehr als die Woche Zeit hergibt um sie zu pflegen. Es reicht ja nicht einmal richtig für die eigene Familie. Aber es ist schwer, wenn es so eine klare Grenze gibt, die Entfernung heißt, und die es unwahrscheinlich macht, dass man sich je wieder trifft. Als Mama hat man nun mal eingeschränkte Reisefreiheit.

Das vorerst letzte Lebenszeichen von Frau Schnee kommt direkt aus dem Flugzeug:

[…] We are going to take off soon. Sayonara, til we meet again.

 

KalligraphieJapanische Kalligraphie hinter Glas und auf einen mit Stoff bespannten Karton gezogen. 
Inhaltlich geht es in dem Text um ein Katzenkind, das seine Mutter vermisst und wieder zu ihr zurückkommt.
Das Rote links ist ein Stempel der Künstlerin, mit dem sie wie jeder Kalligraphie-Künstler ihre Werke kennzeichnet. 

 

Wer Frau Schnees absolutes Lieblingsbuch kennen lernen will und wissen möchte, warum sie auf einem Urlaubsfoto in einer Waldlandschaft in Kanada leuchtende Augen hat, der hört hier rein und wahrscheinlich erst wieder auf, wenn das Buch zu Ende ist.

Anne

In englischer Sprache; die sogar Frau Life Science versteht. Viel Vergnügen!
https://en.wikisource.org/wiki/Anne_of_Green_Gables_(ex_Gutenberg)
(gedruckter Text ist auch dabei zum mit- oder selber lesen)