(300) Rückwärts zum Ziel – Oder: Von einem, der keine Chance hat und sie nutzt

Vom vergessenen Krankenhaus am anderen Ende der Insel bis zur ersten Haltestelle des Red Bus sind es ein paar hundert Meter. Für die Krankenschwestern (alle dunkelhäutig, die Jobs haben hier Hautfarben) ist das eine Kleinigkeit. Der alte Mann im Rollstuhl muss  mehr Zweit für die Strecke einplanen. Rückwärts stößt er sich der Halbseitengelähmte  mit einem Fuß ab und bewegt sich Stoß für Stoß zum Bus. Der Busfahrer hat ihn kommen sehen. Er hat schon längst die Rampe ausgefahren und die Sperrsitze hochgeklappt.

Direkt vor dem Krankenhaus gibt es auch eine Bushaltestelle, aber da hält nur der Bezahlbus, da wird zumindest ein reduzierter Fahrpreis für Behinderte fällig. Der Red Bus dagegen wurde kostenlos für die Bevölkerung eingerichtet. Die Bewohner des Pfllegeheimes gehören wohl nicht zur Bevölkerung, sonst würde der Bus dort halten. Er hält ja bei jeder Mülltonne.

In Southtown verlässt der Rollstuhlfahrer den roten Bus. Wieder stoßweise. Dann geht er seiner Arbeit nach: Flaschen sammeln an der Main Street. Die öffentlichen Müllcontainer werfen ab und zu was ab, aber auch die Tüten voller Recyclingabfall, die vor den Apartmentbuildings aufgereiht wurden, enthalten einen Haufen Pfandflaschen. Privatpersonen geben hier keine Mehrwegflaschen zurück ins Geschäft. Das ist randständig.

Was ist das für ein Land, in dem ein schwerbehinderter alter Mann, der dauerhaft in einer Pflegeeinrichtung untergebracht ist, tagsüber Pfandflaschen sammeln muss?

In seiner körperlichen Verfassung kriegt er nur einen Bruchteil der Flaschen zu fassen. Den Löwenanteil wird später die mexikanische Familie einsammeln und mit dem Kombi abtransportieren.

Man darf bei so einer Arbeit keinen Dreck und keine Unordnung machen, sonst gibts Ärger mit den Hausangestellten. Auch der sonst so friedliebende Beschäftigte des Life Science Buildings zeigt sich schon mal von seiner garstigen Seite, wenn der alte Herr im Rückwärtsgang die Mülltüten verzettelt. So will er sich seine Arbeit nicht kaputt machen lassen und er hat den Chef im Nacken.

Die Schwester von Frau Life Science hat Mitleid mit dem Rückwärtsmann, als sie ihn einmal sieht. Sie mag gar nicht hinschauen. Frau Life Science ist da schon abgestumpfter.

Beim örtlichen Drogeriemarkt, wo der Mann die Flaschen immer abgibt und das Personal mit Handschuhen bewaffnet die Flaschen einzeln abzählt, hört man den Mann mit dem Kassierer um 55 Dollar feilschen. Ob das die Tageseinnahme war? Über mehrere Tage sammeln kann der Mann die Flaschen jedenfalls nicht. Es scheint sich halbwegs zu lohnen, das Flaschenbusiness!

Das hat etwas Tröstliches. Wie auch die Tatsache, dass der Rückwärtsmann jahraus jahrein mehrmals die Woche die psychische und physische Kraft aufbringt für diese belastende Aufgabe und für den Weg dorthin. Das lässt ihn ein bisschen  weniger hilflos wirken.

 

bus

Recyclingmüll