(307) Glaser´s Bakery – Oder: Nach hundertsechzehn Jahren Schluss

Frau Life Science hat es in Yorkville/Upper East Side irgendwo im Laden gehört. Eine Frau hat es einer anderen erzählt, die es nicht wissen wollte: „Glaser´s are closing. They don´t do the baking anymore“. Da hat sich Frau Life Science mal eben ins Gespräch gemischt. „Ach echt? Wieso denn? Und wann??“

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Ein Besuch direkt vor Ort wenige Wochen später zeigte: Das war kein Gerücht. Im Schaufenster von Glaser´s Bakery, der nostalgischen Bäckerei mit bayrischen Wurzeln, hängt jetzt ein Plakat. Im Juli ist Schluss. Und lieben Dank an die treue Kundschaft.

„Traurige Nachricht“, sagt Frau Lifescience zuhause, „es wird langsam Zeit, dass wir zurück nach Deutschland gehen“.  „Ach wieso denn?“, meint der Lifescientist, „so oft gehen wir ja gar nicht bei Glaser´s einkaufen, oder?“ „Das meine ich nicht“, sagt Frau Life Science. Sie findet nur, dass New York jetzt auch noch das letzte bisschen Authentizität und einen individuellen Charakter zu verlieren droht.
Es war sicher nie der große Reibach, der bei Glaser´s gemacht wurde, es ist einfach Tradition und Handwerk, ohne Riesen-Firmenkette dahinter. Ein Geschäft von Mensch zu Mensch.

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Brownies, „Kitchen Sink Cookies“ und ganz besonders die „Black and White Cookies“ (würden bei uns „Amerikaner“ heißen) gelten als Spezialitäten des Hauses.

 

In Glasers Bäckerladen an der 87. Straße, Ecke First Avenue, konnte Frau Life Science nicht viele neue Informationen in Erfahrung bringen. Echte New Yorker hinterm Tresen. Schnellsprech, Nuschelnuschel-Slang, ganz schlimm. Frau Life Science sinniert noch immer über das, was die Dame auf Anfrage zu der baldigen Schließung gesagt haben könnte. Unter anderem erwähnte sie etwas wie: „Very tyring now“ Was genau, bitte, soll aktuell sehr ermüdend sein? „They are retiring now“ – macht da doch mehr Sinn. Ach so, sie gehen in Rente. Keine Mehlallergie! Was für eine Information.

Was man nicht im Gespräch ermitteln kann, muss man halt online recherchieren. Interessante Firmengeschichte ist das jedenfalls.

John Herbert Glaser, deutscher Einwanderer, gründete die Bäckerei 1902, als Yorkville noch Germantown war. Bald darauf erwarben sie das Haus. Cleverer Schachzug, wahrscheinlich konnte das Geschäft deshalb so lange bestehen. Die Enkel Herbert, genannt „Herb“ und John stehen heute in der Backstube.

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Besonders liebenswertes Detail bei Glaser´s Bake Shop: Alle Waren werden in weiße Pappschachteln gepackt und mit einem blau-weißen Baumwollfaden zugebunden, der von einer Spule (hier schön zu sehen) über dem Tresen gezogen und von den Verkäuferinnen mit einem Ruck zwischen zwei geballten Fäusten abgerissen wird. Hin-reißend, findet das Frau Life Science.

 

Eine formale Ausbildung haben die Gläser-Brüder nie gemacht. Ihr Backwerk wird dennoch hoch geschätzt. Die Tagesschicht hat immer Herbert, der mit Partner über dem Laden wohnt, dann löst ihn Bruder John ab. Montags ist zu. In Juli und August machen sie sechs Wochen dicht. Zu heiß zum Backen! Eine Klimaanlage gibt es nicht.

BackstubeBlick in die Backstube

Eine Zeit lang sah es so aus, als ob der Neffe von Herbert, Johns Sohn, den Betrieb mit den sieben Angestellten weiterführen könnte, aber er macht es doch nicht. Nun wird verkauft. Sie hätten gerne weiterhin eine Bäckerei in den Räumlichkeiten, seien aber offen für andere Interessenten, heißt es. Hundesalon, Nagelstudio oder Starbucks? Bitte nicht!

 

 

 

 

 

Herbert Glaser mag seinen Beruf. Er wollte eigentlich mal Zahnmediziner werden, ist aber während der Wartezeit auf den Studienplatz im elterlichen Betrieb hängen geblieben. Das hat er nie bereut. Dennoch freut er sich nach 43 Jahren auf den Ruhestand, den er in seinem Haus upstate in New Palz verbringen will, wo er antike Uhren reparieren möchte. Und wenn ihn tatsächlich die Lust packt, könne er auch dort stundenweise in eine Bäckerei arbeiten, meint er.

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