(314) Einmal Philly und zurück – Oder: Wochenendtrip barrierefrei, low budget und ohne Auto

Philadelphia ist ja die Stadt der brüderlichen Liebe, das zumindest bedeutet der Name. Der ehelichen Liebe schien sie es zunächst nicht zu sein, kriegten sich doch Herr und Frau Life Science schon bei der Planung eines Kurztrips nach ebendort in die Haare.

Philadelphia in Pennsylvania gilt als eine der historisch bedeutendsten Städte in den USA, weil dort das Philly Cheese Steak erfunden wurde, das in New York an jeder Straßenecke verkauft wird. Manche Besucher kommen aber offenbar her, weil sie sehen möchten, wo die dereinst die Unabhängigkeitserklärung auf den Weg gebracht und die amerikanische Verfassung unterzeichnet wurde. Mittelstufen-Englischbuch zum Anfassen, 25 Jahre zu spät.

Zunächst hatte sich Familie Life Science eine Zugreise nach Philadelphia vorgestellt. Aber wer möchte 340 Dollar für eine nur zweistündige Hin- und Rückfahrt mit zweieinhalb Leuten ausgeben? Warum ist denn das so teuer?
(Offenbar gibt es noch eine günstigere Möglichkeit mit zwei anderen Zuglinien, allerdings inklusive Umsteigen.)

Man hätte auch ein Auto mieten können, aber das gehört nicht zu den bevorzugten Aktivitäten der Life Science-Familie. Wenn man es genau nimmt, haben sie auch gar keine Fahrerlaubnis. Wer nämlich einen festen Wohnsitz hier hat, der darf nicht wie ein Tourist mit einem deutschen Führerschein herumfahren. So ziemlich alle machen es trotzdem.

Das Verkehrsmittel der Wahl war jedoch der Fernbus. Frau Life Science fand einen Anbieter, bei dem man für einen kleinen Aufpreis Vierer-Sitze mit einem Tisch reservieren kann. Perfekt für die Kinderunterhaltung während der Fahrt. Den meisten Fahrgästen, überwiegend Studenten und Einzelpersonen, ist es gleichgültig, auf welchem Sitz sie ihr Nickerchen machen. Hauptsache, sie kommen schnell und günstig ans Ziel.

Die Firma Megabus fährt von der West 34. Straße zur berühmten Independence Hall ohne Halt. Ein Chemie-Klo ist an Board. Eigene Snacks und Getränke darf man unterwegs verspeisen. Auch was das Gepäck und Kinderwagen-Mitnahme betrifft, gibt es kaum Beschränkungen. Und das Ganze für unter 100 Dollar alle drei Leute, hin und zurück. Kann man nicht meckern!

Das Hotel von Familie Life Science lag mitten im Zentrum von Philadelphias historischer Altstadt. Das ist aber auch das einzig Positive, was man darüber berichten kann. Es war sehr alt. Aber nicht im Sinne von altehrwürdig, sondern im Sinne von altsanierungsbefürftig. Tatsächlich unterhielt sich das Ehepaar Life Science, ob so ein Hotelgebäude eigentlich auch einstürzen könne. Der Lifescientist meinte, eher nein. Begründung: Es stünde schon so lange. Unnötig zu erwähnen, dass es teuer war: 180 Dollar ohne Frühstück. Aber, egal jetzt.

Philadelphia, zumindest die historische Altstadt, erschien der Life Science-Familie auf den ersten Eindruck unglaublich entspannt. Eine Wohltat. Weniger Menschen. Mehr Platz in den Läden und Restaurants. Kaum Autos auf der Straße. Ein paar Pferdekutschen und viele, viele Parks.

Die Parks gefallen auch dem Forschernachwuchs. Es gibt nämlich ganz hervorragende Stöcke darin. Und so stehen Herr und Frau Life Science auf einem Rasenstück, unter dem hellen Grün gerade aufgegangener Blätter, jeder einen vom Kind zugeteilten Stock in der Hand. Heute einmal andere Luft atmen, Samstagsschule, Labor und den ganzen Quark hinter sich lassen. Schön ist das.

„Wenn wir hier gelandet wären,“ sagt der Lifescientist. Hier gibt es ja auch Life Science – Fabriken. „Vielleicht hätte diese Stadt besser zu uns gepasst.“ Aber sie war nie im Gespräch, ebenso wenig wie Boston oder irgendeine andere. Es war immer New York, von Anfang an. Und man ist an der am Nichtpassen und an der Reibung ja auch gewachsen. Langweilig war es jedenfalls nie.

Auf der Rückfahrt nach New York kann sich eine junge Asiatin nicht dagegen wehren, dass ihr Kopf beim Einschlafen auf des Lifescientistens Schulter fällt. Immer wieder richtet sie sich auf, versucht Haltung zu bewahren. Aber nur um noch tiefer auf die Schulter zu sacken. In New York wacht sie auf, und steigt aus dem Bus ohne Tschüs zu sagen. Your are welcome to use my husband´s shoulder for napping! Any time again.

Es ist das Jahr der letzen Male, der letzen Chancen und das der Listen von Unternehmungen. Philadelphia: Abgehakt.

Philadelphia Reiseführer auf  wikiyoyage

 

 

 

Anfahrt unterhalb der High Line (barrierefrei mit der F-Train zu erreichen) und Rückkehr in der 27. Straße/7th Avenue
(Die Panorama-Plätze direkt über dem Fahrer können ebenfalls vorab reserviert werden. Auch nicht schlecht.)

 

 

 

Der Erhalt des Schreibens von 1983 mit dem Briefkopf der renommierten Tageszeitung „Philadelphia Inquirer“ ist Hotelchefin Judy Campbell in den Kopf gestiegen. Sie hat den Brief im Hotelflur aufgehängt und von da an keinen Finger mehr im Hotel gerührt. Nur noch die Betten bezogen.

 

 

 

Direkt neben dem Hotel gibt es ein Geschäft, das 3D-Drucke von Individuen anfertigt.
Frau Life Science kann hier den Lifescientisten nachbestellen, wenn sie mal wieder nichts von ihm hat, oder nach einfach sich selbst für LeAnn, die für nächste Woche Montag, Mittwoch und Donnerstag angefragt hat. Und Freitag auch, wenn auch nicht so dringend.

Independece Hall
Assembly Room

Gemälde.jpgDas Unterzeichnen der Verfassung im Assembly Room. Reich mir doch eben mal die Gänsefeder, George!

Independence Hall

storefrontDer „Book Trader“ in Philadelphia hat jeden Tag von 10:00 bis 10:00 geöffnet. Außer an Thanksgiving und am Weihnachtstag.

 

 

 

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