(320) Chefsache Roller – Oder: Kleiner Fehler, große Wirkung

Sonntagnachmittag. Der Lifescientist war gerade gerade zur Tür rausgegangen – zur Dienstreise. „Wollen wir mit dem Roller zum Campus fahren?“, fragt Frau Life Science den Forschernachwuchs. Der kleine Rollerfahrer ist begeistert. Schnell Schuhe anziehen und Helm aufsetzen.

„Mama?! Wo ist DEIN Roller?“

Frau Life Science sucht im Flur, im Schlafzimmer und im Garderobenschrank. Da dämmert es ihr: Sie hat den Roller an der Samstagsschule vergessen. Das ist dämlich, aber nachdem wie der Tag abgelaufen ist, kein Wunder. Bis zur Tiefenerschöpfung hat sie unterrichtet und stolperte unmittelbar anschließend samt Life Science-Familie in ein eigentlich lange erhofftes Mitarbeiterfest, auf dem sie nur noch ein Schatten ihrer selbst war. Wenn bis zu 17 Kinder von halb zehn bis 12 Uhr in einem Raum sind und Deutsch lernen sollen und in der Pause nicht aus dem Zimmer können, außer natürlich zum Klo, dann ist wohl der Versicherungsschutz gewahrt, die Menschenrechte aber nicht zwangsläufig. Höchste Zeit für die bevorstehenden Ferien! Danach geht´s wieder.

„Du musst jetzt alleine Roller fahren, ich laufe nebenher“, sagt Frau Life Science zum Kind. Sie schiebt das weinende Kind zum Aufzug.

„Neeeeeeeeiiiiiiin. Wir müssen den Roller hoooooooooooooooolen.“ Erst der Papa weg, samt Koffer – der Forschernachwuchs hat eine Koffer-Obsession – und jetzt auch noch der Roller von der Mama. So hat er sich das nicht vorgestellt. „Wir müssen den Roller hooooooolen. Mit dem Ferry Booooooooooooaaaaat.“ Der Forschernachwuchs weiß genau, wie das abzulaufen hat. Nur daran, dass die Schule am Sonntag verrammelt ist, denkt er nicht. Die Tränen spritzen förmlich rechts und links aus den kleinen Augen. Totaler Meltdown. Front Desk-Personal und Residents setzen zu Tröstungsversuchen an, und haben doch  keine Ahnung, worum es hier überhaupt geht.
Zum Glück konnte der Campusausflug von Mutter und Kind noch mit einem weiteren, eigentlich zu kleinen Kinderroller aus dem Life Science-Fuhrpark vollendet werden.

Dass der „richtige“ Roller an der Schule nicht wegkommen würde, war klar. Dennoch wollte Frau Life Science ihn baldmöglichst holen. Sobald das Kind am folgenden Tag in der KiTa ist, nimmt sie die nächste Fähre und läuft zur Schule. Dort meldet sie sich am Security-Posten an. Mann wird dort immer genau kontrolliert, vor allem im regulären Schulbetrieb unter der Woche, das weiß Frau Life Science.

„You left your scooter? Why?“ Der Sicherheitsbedienstete wundert sich schon ein bisschen. Er müsse da jetzt den Front Desk anrufen, Frau Life Science möge sich doch bitte gedulden. „Step back!“

Nun warte er auf den Rückruf vom Chef, „to find out how to deal with this“, heißt es dann. Ist halt schon eine große Sache, so einen Roller abzuholen! A big deal! Frau Life Science wartet. Ein Mexikaner auf dem Fahrrad möchte Pizza liefern. „Du bist von XYPizza? Du sollten um halb kommen! Warum kommst du um dreiviertel? Den Ausweis, bitte!“ Der Bedienstete ist ein Hundertprozentiger.

Geschlagene 10 Minuten später folgt die nächste Anweisung an Frau Life Science: „Gehe jetzt zum Front Desk. Gehe NICHT zum Rollerparkplatz. Gehe DIREKT zum Front Desk. Und die ID, bitte!“ Frau Life Science reicht ihren New York-Ausweis und erhält im Gegenzug eine Besucherkarte zum Umhängen: „Make yourself visible!“ Das würde sie ja gerne, aber die Umhängekette in Kindergröße passt nicht über ihren Kopf. „Dann halte es in der Hand“, sagt der Mann.

Am Front Desk möchte der dort Diensthabende wissen, wie Frau Life Science ihr Gefährt identifizieren könne. Es kämen hier nämlich täglich zwei Roller abhanden. Frau Life Science fängt an, hilflos zu beschreiben, dann fällt ihr ein, dass es ein Foto gibt: von ihr, dem Roller und dem Forschernachwuchs, dieser ebenfalls auf seinem Roller. Es ist ihr angeberisches WhatsApp-Profilbild, zum Glück hat sie es noch nicht ausgetauscht. Es stellt den Bediensteten zufrieden.

Nachdem sie sich auf die Besucherliste des Front Desk mit Namen und Uhrzeit eingetragen hat und den „reason vor visit“, also „scooter“ eingetragen hat, erhält sie die Erlaubnis, den Rollerparkplatz aufzusuchen. In Begleitung dieses Herren. Am Parkplatz stehen schon ein paar Männer im Anzug und diskutieren irgendeine  Lage. Der Front Desk-Bedienstete nimmt das zum Anlass, doch gleich wieder umzukehren, denn der Rollerparkplatz scheint ihm ausreichend bewacht. Er winkt nur und gibt den Männern Zeichen. Ist das etwa der Chef?

Eine kurze Schrecksekunde, als Frau Life Science den Roller nicht gleich sieht. Es wird doch nicht ausgerechnet ihr eigener einer von den beiden sein, die täglich, also auch  heute wieder, verschwinden?

Im Zurückgehen (natürlich darf man auf dem Schulgelände nicht rollern) winkt der Front Desk-Mensch durch die Glastür hindurch ab. Das Thema ist jetzt für ihn durch, so genau will er es jetzt auch nicht mehr wissen. Bye!

Frau Life Science rollt zurück zum Ferry Boat. Entlang der East River Esplanade, immer wieder schön. Das Ticket ist noch eine halbe Stunde gültig, sie kann es noch für die Rückfahrt verwenden. Das Problem Roller wäre jetzt auch gelöst. Eine Stunde! Man hat ja sonst nicht zu tun.

 

 

Can you identify your scooter?