(327) Freibadhopping – Oder: Das unerschöpfliche Schwimmbad-Thema

Neuerdings bekommt Frau Life Science Komplimente für ihre Sommerbräune. Das kommt vom Freibad-Hopping. Freibad-Hopping? Das klingt teuer…! Ist es nicht, denn es gibt ja noch New Yorks Public Pools. Die kosten gar nichts.

In jedem größeren Stadtteil von New York City gibt es so ein öffentliches Freibad. Frau Life Science hat inzwischen schon einige testen können und weißt jetzt, welches das beste ist: Das im Astoria Park. Es ist das größte, der Besucheransturm verteilt sich und die Wasserqualität hält stand. Das Astoria-Bad ist barrierefrei mit dem Ferry-Boat erreichbar. Einen fast halbstündigen Fußweg mit einer gewissen Steigung muss man jedoch in Kauf nehmen.

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Astoria Park Pool; im Hintergrund die Hell Gate Bridge

Das einzige Problem im Astoria-Bad ist, dass man nie sicher weiß, ob das mitgebrachte Vorhängeschloss akzeptiert wird. Bereits am Eingang des Bades kontrolliert das jemand. Mal ist ein Modell mit separatem Schlüssel gefragt, mal eben gerade nicht. Die vorgebrachten Einwände haben keinerlei Konsistenz und sowieso ist jeder Widerspruch zwecklos. Mit einer mittlerweile dreiteiligen Schloss-Sammlung kann man aber relativ sicher sein, dass einem Einlass gewährt wird.

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Mit adäquatem Schloss gelangt man in die Sammel-Umkleide. Frau Life Science hat hier keine Schamgefühle, aber die Besucherinnen scheinen sie um so mehr zu empfinden. Aufgespannte Handtücher, umständliche Verrenkungen. Mr. Bean lässt grüßen. Frau Life Science zieht sich also so dezent wie möglich um und schämt sich des möglichen Schames der Geschlechtsgenossinnen.

In der Umkleidekabine muss alles, was man dabei hat, mit dem mitgebrachten Schloss in den Spint eingeschlossen werden. Dann hat man zu duschen, ehe man die Poolfläche bettritt. Aber nicht ohne beim Vorbeigehen an der Wächterin kräftig das Handtuch zu schütteln. Sonst könnte ja jemand verbotenerweise Gegenstände in den Poolbereich mitnehmen. Ein Buch vielleicht, Kinderspielzeug, oder ein Handy. Gegenstände, die nicht Handtuch oder Badeanzug heißen, sind ab jetzt verboten! Nicht einmal Sonnenmilch ist erlaubt. Entweder vorab eincremen, oder die kostenlosen Spender an Deck nutzen.

Ein Thema für sich ist die Bademode. Sind die Regeln im Public Pool auch noch so streng, keinerlei Vorgaben werden für die Schwimmkleidung gemacht. Es gibt merkwürdige Schnürungen, unscheinbare Fädchen und Textilreste sowie andere Phänomene, die sich eher nur mit schlüpfrigem Vokabular beschreiben ließen. Oder aber es gibt Leute (also Frauen eigentlich) die sich zum Baden anziehen wie ein Sams. Ihre Sache!

Einmal, back in Germany, hatte Frau Life Science beim Thermalbadbesuch den Badeanzug vergessen und musste vor Ort einen neuen kaufen. In New York würde sie das nicht mehr tun. Sie nähme einfach ein Regencape und eine Jogginghose und sie würde sagen, „Yeah, this is my bath suit!“ Was gibt es in Deutschland Diskussionen um Burkinis und dergleichen in öffentlichen Badeanstalten. Hier dagegen badet jeder, wie er möchte. Es funktioniert. Hier bin ich Mensch, hier darf ich komisch angezogen sein!

Das Allerbeste am Astoria-Pool ist aber, dass es einen Kiosk gibt. Keine Selbstverständlichkeit! Im McCarren-Pool in Green Point oder im John Jay-Pool in der East Side findet man so etwas nicht. Was ist schon ein Schwimmbadbesuch ohne Pommes oder Eis? Erst recht, wenn man kein Vesperbrot bringen darf?

Man gehe also zurück in die Umkleidekabine und entnehme einen Geldschein aus dem Spint. Diesen trage man mit spitzen Fingern an der Wächterinnen vorbei. Dann kann man am auf superlässig gemachten „Surf Shack“- Kiosk seine Bestellung aufgeben. Auf der kleinen Aussichtsterrasse lässt sich beim Essen gut Leute beobachten und dem Pfeifkonzert der Life Guards lauschen. Es sind derer an die fünfzehn. Die meisten sitzen auf einer Leiter unter einem orangefarbenen Schirm. Mit Rettungsboje, wie im Film. Für Gefahren, die nicht unmittelbar mit Wasser verbunden sind, sind jedoch andere zuständig: Polizisten in Uniform. Waschechte Cops, mindestens vier Stück an der Zahl, die den lieben langen Tag im Schwimmbad Dienst schieben.

Das Wechselgeld versteckt Frau Life Science unter dem Handtuch. So spart sie sich einen erneuten Gang in die Kabine vor der nächsten Baderunde. Ihre persönliche Schrecksekunde hat sie dann auch erst später: als sie merkt, dass das Vorhängeschloss am Spint Nummer 324 aufgesprungen ist, es wahr wohl nicht richtig eingerastet gewesen. Das kommt davon, wenn man alleine auf so vieles achten muss. „Komm, Kind, nicht ausrutschen, warte kurz, bleib bei Mama! Nicht aufheben, das ist Bäh!“ usw., usf.
Der Schrank war also so gut wie offen, Geldbörse mit Kreditkarte und allem Pipapo lagen ein Stunde lang quasi griffbereit herum. Auch das Handy mit dem einzig wirklich unwiderbringbaren Gut: den ungesicherten Fotos vom Forschernachwuchs. Aber in New York City kommt offenbar so schnell nichts weg.

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Einen realistischen Endruck vom Besucheraufkommen zur Rush Hour im Astoria Park Pool gewinnt man übrigens hier.