(330) Der Manhattan Eruv – Oder: Eine Schnur macht den Unterschied

In einer deutschsprachigen Fernseh-Dokumentation stößt Frau Life Science zufällig darauf: Dass quasi ganz Manhattan von einer Schnur umspannt ist. Diese bildet, so ungewöhnlich das auch klingen mag, einen symbolischen Zaun, der Menschen jüdischen Glaubens das Leben erleichtert. Innerhalb des Zauns gelten bestimmte Regeln bzw. Ausnahmen für den Sabbat. Eine Art Schlupfloch, abgesegnet von offizieller Seite.

Abgefahren! So eine Schnur in der Luft, von Block zu Block, von Laternenmast zu Laternenmast, quer über die Kreuzung. Das muss Frau Life Science sehen! Sie macht sich mit der Tram auf den Weg nach Manhattan um den Zaun aufzuspüren. Ein Blick auf die Karte hilft. Am nahe gelegenen East River braucht sie es gar nicht zu probieren. Der Fluss gilt als natürliche Grenze, so viel weiß sie inzwischen. Hier gibt es keine Schnur. Aber an der 56. Straße, auf Höhe der 6th Avenue, da müsste man sie doch sehen. Irgendwo hinter der Carnegie Hall. Mal schnell hinflitzen. Aber da ist nichts. Merkwürdig. Vielleicht wegen der Baustelle da vorne? Aber ist ja auch noch nicht Sabbat. Bis Freitag kann man das vielleicht noch richten?

Ein Block weiter entdeckt Frau Life Science plötzlich das Gesuchte. Verrückt. Sie fährt mit dem Roller der Schnur hinterher. Es ist wie Schnitzeljagd. Schnell bekommt man einen Blick dafür. Ab der 8. Avenue, Ecke 56. Straße Richtung Westen ist der Eruv gut zu sehen.

Zwischen den Häusern sieht Frau Life Science nun schon den Hudson glitzern. Das war jetzt einmal quer durch Manhattan. Genug gesehen. Es gibt ihn wirklich, den Manhattan Eruv.

Frau Live Science rollt zurück zum East River. Nicht zu schnell, man möchte ja keinen Ärger mit Passanten. Andererseits wäre es schon gut, noch rechtzeitig zu F-Train zu kommen. Denn wenn man innerhalb von weniger als 1,5 Stunden von der Tram auf die U-Bahn wechselt oder umgekehrt, erkennen die Lesegeräte in den Drehkreuzen das als EINE Fahrt an. So kann man nach Manhattan und später wieder zurückfahren und muss nur einmal bezahlen. Auch so ein Schlupfloch. Dieses Mal nicht für gläubige Juden, sondern für rasende Reporterinnen.

 

Eruv1
Links vom Laternenmast, oberhalb der Querstange, sieht man, wie der Eruv einen Winkel bildet.

 

Eruv2
In der oberen rechten Bildhälfte verläuft der Eruv diagonal nach „unten“. Parallel zum Laternenmast hängt ein Stück Schnur herunter.

 

Eruv3
Da hat man´s schwarz auf weiß: Etwa auf halber Höhe des Baugerüsts, leicht abfallend, verläuft der weiße Faden.
Eruv5
Eruv zum Anfassen! Links vom Laternenpfahl….   Da muss nächsten Donnerstag der Rabbi ran.

Interessante Fakten zum Manhattan Eruv

  • Der Eruv besteht an weiten Stellen aus aus einer Angelschnur, Gebäude und Flussufer sind ebenfalls gültige Grenzen. Oder auch mal ein Stromkabel, wenn es günstig hängt.
  • Relevant ist der Eruv am Sabbat, also von Freitagabend bis Samstag.
  • Der Manhattan Eruv erlaubt das Tragen von Gegenständen während des Sabbats, z.B. auch einfach nur einen Hausschlüssel oder er ermöglicht das Schieben eines Kinderwagens.
  • Ein Rabbi inspiziert jeden Donnerstag den Eruv, damit er zu Sabbat intakt ist.
    Die Pflege des Eruv kostet 100 000 Dollar pro Jahr, die mit Spenden zusammengetragen werden.
  • Bestimmte Lücken innerhalb des Zauns sind zugelassen, wenn sie nicht größer als 15 Fuß sind, also so etwa 4,50 m. Das könnte dann so eine Art Eingang sein.
  • Für die Gläubigen gibt es diverse Anmerkungen zum Gebrauch des Eruvs und zu seinem präzisen Verlauf, z.B. auf welcher Seite der Straße man gehen soll um sicher innerhalb des Eruvs zu bleiben.
  • Eruvin (das ist die Mehrzahl) gibt es auch in sehr vielen anderen Städten. z.B. Straßburg oder Wien. In Deutschland gibt es genau keinen.
  • Der Manhattan Eruv wird hier noch einmal schön erklärt (in englischer Sprache).