(334) Zurück in die Neunziger – Oder: Begegnungen auf dem Berg

Dieses eine Fass hat Frau Life Science in ihrem Blog bisher nicht aufgemacht: Dass ihre Übersee-Verschleppung durch die Lifesciencerei nicht die erste Berührung mit Amerika war und auch nicht die erste Begegnung mit New York City.

Das war so:

Der Vater von Frau Life Science hat einen guten Freund, der Amerikaner ist. Er heißt George. Kennengelernt haben sich die beiden in den Sechszigern in der Südsee, wo sie als Junggesellen für eine deutsche Missionsgesellschaft arbeiteten. Fünf Jahre Bambushüttenleben fernab von Familie und Freunden, das schweißt zusammen. Eine schwäbisch-amerikanische Freundschaft fürs Leben.

Später gingen die jungen Männer zurück in ihre jeweiligen Heimatländer und gründeten ihre Familien. George arbeitete fortan für dieselbe christliche Vereinigung in einer Niederlassung in New Jersey. Mitten in der Pampas, auf einem Berg im Wald wurde ein Tagungszentrum mit Camp unterhalten, wo ständig Freiwillige gesucht wurden, um irgendwo mitzuhelfen – sei es in der Küche, beim Rasen mähen oder beim Malern und Streichen. Die Einrichtung gibt es heute noch.

Für Frau Life Science, damals allenfalls ein Fräulein, und ihre Geschwister wurde es zu einer Art familiärem Initiationsritus, dass man als Teenager mindestens einmal im Leben die Sommerferien über Teich und auf dem Berg verbrachte. Die Arbeit war leicht, die Anleitung alles andere als generalstabsmäßig. Es gab Kost und Logis und sogar ein kleines Taschengeld. Frau Life Science nahm ihre beste Freundin mit. Einfach so nach New York fliegen – Für die zwei Dorfmädchen in den Neunzigern eine Sensation.

Fräulein Life Science in Manhattan

Der Höhepunkt des Ferienaufenthalts in New Jersey war, dass man am freien Tag die Möglichkeit hatte, einen Ausflug nach Manhattan zu unternehmen. Am „General Store“, dem örtlichen Tante Emma-Laden, fuhr früh morgens der sogenannte Arbeiterbus ab. Für ein paar lumpige Dollar brachte der einen vom Kaff im Wald direkt zum Port Authority. Man fiel einfach in Manhattan aus dem Bus, es war gerade mal 8:00 Uhr morgens oder so. Dann gab es erst mal Cream Cheese Bagels auf der Straße, das weiß Frau Life Science noch.

Wie sie sonst zurechtkam mit ihrer besten Freundin in der großen Stadt und warum sich eigentlich keiner Sorgen gemacht hatte, ist ihr heute ein Rätsel. Waren die beiden doch furchtbar verpeilt und unerfahren. Es gab ja nicht einmal mobile Telefone, geschweige denn Navigation. Wie auch immer, es ist nichts passiert und den Bus für den Rückweg haben die zwei Schusseltanten auch nicht verpasst. Zwei solche Tages-Trips nach Manhattan waren in dem Sommer drin. Staten Island Ferry, Empire State Building, das ganze Programm. Die Twin Towers standen noch und man fuhr U-Bahn mit Tokens.

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Eine schöne Zeit und ein nicht gehaltenes Versprechen

Der gute George lies es sich damals nicht nehmen, sich sechs Stunden hinters Steuer zu klemmen um den beiden Mädchen die Niagara-Fälle zu zeigen. Ein Schlaflager bei Georges Verwandten inklusive und Rückfahrt am nächsten Tag. Ob die beiden Teenagerinnen Georges Mühen ausreichend gewürdigt haben, bezweifelt Frau Life Science heute.

Einmal hatten die Volonteers den Auftrag, eine unansehnlich graue Außenmauer weiß anzustreichen. Die noch nicht bearbeitete Fläche nutzten die Jugendlichen, allen voran Fräulein Life Science mit Freundin, für allerlei Verzierungen, Handabdrücke und Sprüche. Die Wand sah aus wie die Tafel einer zehnten Klasse nach der Regenpause. Dann stellte sich heraus, dass die weiße Farbe alle war und die Spontankunst nicht mehr überstrichen werden konnte. In Ermangelung von rechtzeitigem Nachschub an Wandfarbe sahen sich Fräulein Life Science und Freundin gezwungen abzureisen, ohne die Wand in ordentlichem Zustand hinterlassen zu können.

Gefallen haben dem Fräulein Life Science die Sommerferien in den USA sehr. Heimzukehren sei ihr emotional nur möglich, so schilderte es Fräulein Life Science in pubertärem Pathos gegenüber ihrer Mutter, in dem inneren Versprechen, noch einmal wieder zu kommen. Es war die Offenheit der Menschen, die sprichwörtliche amerikanische Freundlichkeit, die man in christlichen Kreisen vielleicht noch authentischer lebt, die das Fräulein Life Science berührte. Natürlich auch die amerikanische Lässigkeit, das Fünfe gerade sein Lassen. Ein frischer Wind von Freiheit, trotz der gegebenen Frömmigkeit.

In wenigen Jahren war das Rückkehrgelübde vom Fräulein Life Science vergessen und ganz Amerika war ihr eigentlich egal.

Auszüge aus Fräulein Life Sciences Briefen an die Familie; beim letzten Heimaturlaub 2018 von der Mutter überreicht bekommen und spaßeshalber mitgenommen.  

Zurück auf den Berg im Jahre 2018

Das alles ist mehr als zwanzig Jahre her (und Frau Life Science gewöhnt sich nur schwer daran, dass sie für biographische Angaben mittlerweile in Begriffen von mehreren Dekaden sprechen muss.)

Der Besuch des Bruders von Frau Life Science auf Roosevelt Island machte es diesen Sommer möglich, dass man den nostalgischen Ort noch einmal gemeinsam besuchen konnte, mit Forschernachwuchs und seinem Cousin. Eine Übernachtung in den Gästezimmern des Tagunsgzentrums war schnell organisiert,  und Lasagne essen bei George und seiner Frau war Ehrensache.

Zimmer
Gästezimmer auf dem Berg

Der Bruder war dereinst zweimal und auch einmal längere Zeit auf dem Berg gewesen und hatte dadurch mehr Anknüpfungspunkte. Als er den Speisesaal betritt, sagt er einem Mitarbeiter: „Its the same smell…. like 15 years ago!“ „That´s too bad“, sagt der Mitarbeiter mit einem Augenzwinkern, „cause we want a NEW smell“.

George, der schon längst im Ruhestand ist und auf die 80 zugeht, wohnt immer auf dem Gelände. Er kriegt sich nicht mehr ein vor Freude über den Besuch. Zwar hat er selber Kinder und entzückende Enkelinnen, aber sie leben irgendwo verstreut.

Während man in seinem Haus weilt und in Fotoalben blättert, verschwindet George kurz in seinen Gemächern und kommt mit einem Oldtimer-Modell zurück. Er hat es seinerzeit von Frau Life Sciences Patenonkel erhalten und möchte es nun dem Forschernachwuchs weiter schenken. Weil er sich selbst ohnehin nicht so viel aus Autos macht. Er ist sich sicher, dass der verstorbene Patenonkel einverstanden wäre. Ein berührender Moment.

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Die Rebterrassen scheinen den amerikanischen Freunde bei ihrem einstigen Deutschlandbesuch besonders gefallen zu haben.

Das Modellauto kommt bestens an. Da verschwindet George wieder und holt noch mehr Oldtimer. Kleinere und gleich eine ganze Kiste voll. Hat er mal von irgendwem bekommen, obwohl er doch, er kann es nicht oft genug sagen, Autos nicht besonders mag. Für seine Enkelinnen ist das nichts, meint er. Aber für die beiden Jungen!

Keiner der Eltern will die vielen schönen Autos annehmen, so sehr sie Kindern und Erwachsenen auch gefallen. Man einigt sich darauf, dass sich jedes Kind eines aus der Kiste aussuchen darf. Aber die Diskussionen um die Autokiste reist nicht ab und schließlich klemmt die prall gefüllte Kiste unter dem Arm der Schwägerin, als die Besucher Georges Eingangstreppe heruntersteigen und sich zum Gruppenfoto auf der Terrasse sammeln.

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Oldtimer für den Forschernachwuchs. Beim Spielen krachen gleich mehrfach Kleinstteile ab. Als Frau Life Science das Erbstück zur Sicherheit auf die Schnelle in der abschließbaren Nachtischschublade versenkt, ist sie es selbst, die zu guter Letzt noch die Windschutzscheibe zerdeppert – und zwar beim Schließen der Schublade.

Dann kehrt die Gruppe in ihre Unterkunft zurück. Natürlich geht George mit Ihnen über das Gelände. Er ist kaum abzuschütteln und auch einfach charming. Immer gibt es noch ein Thema, noch einen gemeinsamen Bekannten, noch ein fehlendes Update über die letzten Jahre.

Landschaft
Viel Platz und viel Grün auf dem Berg. Auch Braunbären sollen in der Nähe schon gesichtet worden sein.

Dann noch ein Spaziergang. Frau Life Science und der Bruder suchen das Camp und den Pool von einst. Frau Life Science weiß überhaupt nicht mehr und der Bruder auch nur so ungefähr, wo es langgeht. vielleicht direkt hier durch den Wald, vielleicht auch nicht. Das Gras ist nass und die Kinder heulen rum. „Mama, du musst mich traaaaaaagen“. Die Gruppe gibt auf, es ist sowieso zu regnerisch für den Pool. Frau Life Science kann sich nun aber auch kein Bild mehr machen, ob sich in all den Jahren noch jemand der vermurksten Wand angenommen hat.

Auf den Zimmern gönnt man sich noch ein Bier aus dem Kofferraum des Mietwagens. Pubertäres Gekicher als es plötzlich überschäumt und auf den Bettvorleger tropft.  „Hey, die riechen das sicher!!!!“ Alkohol ist schließlich verboten auf dem Berg!

Am nächsten Morgen Frühstück im Speisesaal. „Die Ökobilanz ist noch schlechter geworden“,  stellt Frau Life Sciences Bruder nüchtern fest, als er einen Styroporbecher mit Kaffee auf den Tisch stellt.

Nach dem Frühstück treffen die Besucher George direkt vor den Gästezimmern. Er steht rum und wartet auf die Besucher aus Deutschland und will noch mehr quatschen. Man verspricht ihm, dass man beim Abfahren nochmal am Haus vorbeifahren würde. Nur so kann sich die Gruppe Zeit zum Packen freischaufeln.

„You´re all in my prayers“, sagt George durch die geöffnete Fensterscheibe. „Thank you, George“, sagt der Bruder und meint es auch so. Hupend rollt der Mietwagen vom Platz in Richtung Landstraße. Links oder rechts? Links hatte George zuvor empfohlen, rechts sagt jetzt das Navi. Nach kurzem Zögern wählen sie links und fahren winkend davon.

Der Pendlerzug

Frau Life Science wird mit Kind am nächstgelegenen Bahnhof abgesetzt, von wo sie mit dem Pendlerzug zur New Yorker Penn Station fahren. Unterwegs schafft es der Kleine, die in Kinderhöhe angebrachte und auch kinderleicht zu bedienende manuelle Türöffnung zu betätigen. Geräuschlos und beinahe unbemerkt öffnet sich die Tür bei laufender Fahrt kurz vor dem Halt in Dover. Frau Life Science, die sich schon für den baldigen Umstieg bereit gemacht hat, packt den Forschernachwuchs, setzt ihn zurück auf einen Sitz und hockt sich schützend davor. Sie braucht eine Weile, bis sie realisiert, dass ihr kelines Kind tatsächlich die Türöffnung mit einem kurzen aber zielsicheren Griff ausgelöst hat.

Einige Zeit später kommt der Schaffner, um Ausschau nach der offenen Tür zu halten. Mit dem Fuß betätigt er die Klappe, um die Tür zu schließen. So vermeidet er, näher als nötig die offene Zugtür zu treten. Frau Liefe Science entschuldigt sich demütigst für ihren Sohn, aber der Schaffner sagt nichts. Weder „Don´t worry“, noch „Watch your kid“. Er sagt einfach nichts. Vielleicht eine stille Übereinkunft? Mach kein Theater, dann mach ich auch keines?

In Deutschland wäre ja der Türöffner NIE auf Kinderhöhe angebracht. Du bist aber nicht in Deutschland, Frau Life Science! Kapiers endlich!

Zuhause sucht Frau Life Science im Internet nach dem Phänomen „Kind öffnet Tür im Pendlerzug“ und stellt fest, dass die Türen im NJ Transit auch gerne mal ohne Grund aufgehen. Na super! das wird ja immer besser.

Vielleicht ist es gut, wenn George den kleinen Schatz mit seinem unbändigen Forscherdrang noch eine Weile auf seiner umfangreichen Gebetsliste behält. Es kann nicht schaden.

Türöffner
Ob Frau Life Science eine schlechter Mutter ist, soll hier nicht diskutiert werden. Aber das diese Klappe, die aussieht wie ein Mülleimer und die auf Kinderhöhe angebracht ist, als Türöffner eine totale Fehlkonstruktion ist, daran besteht kein Zweifel. (Zum Glück war der Forschernachwuchs schon nicht mehr an der Tür, als sie sich zeitverzögert öffnete.)