(339) Astorias bengalischer Barber Shop – Oder: Wenn Frisöre sich in die Haare kriegen

Einmal war Frau Life Science beim Inselfrisör, ein hart arbeitender Mensch mit einer lustlosen Angestellten. Es war gerade Schneesturmzeit und man verließ besser nicht unnötig die Insel. Die Angestellte hatte sich offenbar auf einen langen Tag am Smartphone eingestellt und als Frau Life Science ohne Termin durch die Tür trat, fiel ihr das Gesicht herunter: „Oh nein, eine Kundin.“ Entsprechend gestaltete sich auch die Abwicklung der Dienstleistung. Als Frau Life Science den Preis am Ende in Babysitter-Stunden umrechnete, war sie es, die sich wünschte, sie wäre nie durch diese Tür gegangen.

Teuer und lieblos, das muss nicht sein. Im bengalischen Barber Shop im benachbarten Astoria braucht man sich keine Gedanken um den Preis zu machen. Es ist immer billiger als man denkt. Über mangelndes Interesse am Kunden kann man sich auch nicht beklagen.

Für die wenigen weiblichen Gäste des Shops ist meist Kassy, eine Griechin mit ruppigem Charme zuständig, die ihr längst erreichtes Rentenalter tapfer Jahr für Jahr ignoriert. Lediglich sonntags muss der Laden ohne sie auskommen. Ihr Ruhetag ist ihr heilig.

Wenn Kassy bei Frau Life Science die Farbe aufgetragen hat, geht sie immer erstmal vor die Tür um eine zu rauchen. Danach wäscht sie sich schon mal in dem kleinen Laden, am einzigen Waschbecken, die eigenen fedrigen langen Haare und föhnt sie durch. Sie kennt da nichts. Kasssy arbeitet auf Kommission. Nur, wenn sie Haare schneidet, bekommt sie ihr Geld. Unbezahlte Wartezeit, sie ist ja nicht dumm, nutzt sie dann natürlich privat.

Sie muss aber auch schauen, dass ihr nicht Kunden verlustig gehen. Bei Frau Life Sciences letztem Besuch ist sie gerade bei einem Herrn beschäftigt, der Farbschaum auf dem Kopf hat (es scheint immer wieder, Herren aus Bangladesch legen Wert auf Grauhaar-Abdeckung). Macht nix, Frau Life Science hat Zeit. Sie macht es sich auf den schäbigen Stühlen an der Wand bequem. Der Ladeninhaber selbst ist jedoch gerade ohne einen Kunden. Er macht Anstalten, Frau Life Science zu bedienen, was zu einem handfesten Streit mit der temperamentvollen Seniorin führt. Sie will Frau Life Science übernehmen.

Der bengalische Chef und die pseudoselbstständige Griechin liefern sich ein minutenlanges Schreiduell, das sich gewaschen hat. Aus Loyalität und Gewohnheit signalisiert Frau Life Science, sie würde schon gerne von Kassy bedient werden – wie immer halt. Der Chef will davon nichts wissen und fasst Frau Life Science sogar am Knie an, damit sie doch bitte endlich aufsteht und die drei Schritte zum Platz am Spiegel mitkommt. Was nur noch mehr Geschrei auslöst.

Mehrfach versucht der bengalische Kunde zu vermitteln: „How about Kassy takes HER now and you do the next TWO customers?“ Hilft nichts, das Gezeter geht weiter, flammt immer wieder neu auf.

Inzwischen ist die Farbe des anderen Kunden ausgewaschen und Schneiden ist an der Reihe. „Most important is, you cut ME well, right?“, warnt er die immer noch wilde griechische Oma. „Du hast ja nicht einmal richtig gelernt, wie man Haare schneidet“, wirft die ihrem Chef an den Kopf. Bengalis können das einfach so, schmunzelt der Kunde.

Der friedfertige Kunde verwickelt seine Frisörin in Gespräche über empfehlenswerte griechische Restaurants in der  nahen Umgebung und versucht mit allerlei Smalltalk vom Konflikt abzulenken: „Why actually did Greek people come to the US?“

„Why do you ask?“, poltert die Griechin. „Why do Bengali come here“, fragt sie in rhetorischer Absicht zurück. Denn es ist doch klar:

„They come for a better life.“

Frisoer
Stillleben im Barber Shop

 

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