(350) EBK und tagesbelichtetes Wannenbad in guter Wohnlage – Oder: Protokoll einer Wohnungssuche

Wie man hier lesen kann, ist Familie Life Science auf der Suche nach einer Wohnung im Berliner Südwesten; alternativ nach einer in Bremen, um sie in eine Berliner zu tauschen – siehe die folgende Anzeige:

IMG_5998
Immer häufiger bieten Mieter (nicht Besitzer!) ihre bereits gemietete Wohnung zum Tausch gegen eine Mietwohnung in einer anderen Stadt oder eine mit mehr Zimmern an.

Ja, man  erlebt lustige Dinge bei der Suche nach Wohnraum. Hier kommt das Protokoll einer Wohnungssuche.

Donnerstag, 11.10.

Auf einem der einschlägigen Internet-Portale werden zwei günstig gelegene Wohnungen in derselben Straße zur Besichtigung ausgeschrieben. Am Samstag schon. Die Zeitverschiebung kommt erschwerend hinzu: In Deutschland ist der Donnerstag schon wieder so gut wie rum. Der Lifescientist schreibt eine Kollegin vor Ort an, ob sie für eine Besichtigung am Samstag abkömmlich wäre.

Freitag, 12.10.

Die Kollegin antwortet, Massenbesichtigungen würden nichts bringen und außerdem habe sie morgen keine Zeit. „Ok, vergessen wir´s“, denkt Familie Life Science.

Eine halbe Stunde später: eine andere Kollegin namens Carolin schreibt: Sie habe gerade gehört, dass… Und sie habe Zeit.

Familie Lifescientist stellt am Freitagabend auf den letzten Drücker die erforderlichen Unterlagen zusammen und schickt sie Carolin. Weil das PDF-Programm gerade nicht richtig will, erhält Carolin ca. 12 Einzeldateien zum Ausdrucken.


Samstag, 13.10.

In Deutschland ist es 13.00 Uhr am Mittag, auf Roosevelt Island ist grad mal 7.000 Uhr morgens. Carolin ist mit der ausgedruckten Zettelwirtschaft vor Ort (doch keiner will später das viele Papier sehen). Carolin klickt bei WhatsApp auf „Videoanruf“ und legt los.

…Also, schaut mal, hier ist das Treppenhaus… Da ist der Eingang…
– Schönen Tag auch! Ok, danke, ich geh mal rein…
…Hier ist der Flur… Könnt ihr das sehen? Ja?
Schaut mal, so gehen die Zimmer ab… – Das ist das erste Zimmer.
Die Fenster sind älter. So Doppelglas halt. So gehen sie auf…
Also, hier geht`s dann weiter…Seht ihr das? Da sind die anderen Interessenten, darf ich mal eben, Danke!
Und hier ist der Balkon….seht ihr? Da draußen spielen ein paar Kinder Fußball und da vorne ist…

„Wooooooo?“ Kräht der Forschernachwuchs, schaut kurz nach dem Fußball und verschwindet wieder hinter seinem Bildschirm, um weiter „Sendung mit der Maus“ zu sehen.

…und hier ist noch ein Zimmer…
In der Küche hier passt ein kleiner Tisch hin, Kühlschrank müsstet ihr dann hier hinstellen.
usw. usf.
…Habt Ihr noch Fragen?

Nein, keine Fragen, Familie Life Science gefällt die Wohnung und die nächste auch, die Carolin gleich danach besichtigt.

Sonntag, 14.10.

Familie Life Science bewirbt sich schriftlich für die „besichtigten“ Mietobjekte. Sehr geehrter Herr Hausverwalter, am Samstag konnten wir uns ein Bild machen… Stimmt ja auch! Wie das Bild technisch gemacht wurde, muss der Hausverwalter ja nicht erfahren, der die Besichtigung nicht selbst betreut hat.
Lehrprobenstimmung im Hause Life Science. Jedes Detail zählr. Der Lifescientist läuft zur Hochform auf. Er weiß, worauf es ankommt, geht mit dem Doktortitel hausieren und preist seine Leistungen und Verdienste auf das Erdenklichste. Auch Frau Life Sciences fragwürdiges berufliches Dasein rückt er ins beste aller Lichter und man fragt sich, wer von den Eheleuten eigentlich eine Werkstatt für kreatives Schreiben besucht hat.

Bestimmte Dokumente sind erforderlich oder hilfreich, um im Umfeld einer Großstadt eine Wohnung anzumieten (Das musste Familie Life Science erst lernen, denn ihre letzte Wohnung haben sie in einer badischen Kleinst-Stadt gemietet, da hieß es: sehen, schwätzen, einziehen, und bei der vorletzten waren sie mit dem Vermieter verwandt.)

Das sind die nötigen Unterlagen:

  • Tadellose Auskunft von der Schufa, dem merkwürdigen Daten-Hai, der gegen Geld die Daten über eine Person rausgibt, die er ohne deren Zustimmung erworben hat (bzw. viel besser ist es, wenn eben keine Daten vorliegen). So eine Auskunft ist übrigens online in 3 Minuten erhältlich, Kostenpunkt 30 Euro.
  • Huldvolles Schreiben vom neuen alten Chef, dass er den Lifescientisten uneingeschränkt als Mieter empfehlen kann und dass die Miete für die Zukunft gesichert sei.
  • Eine Mietschuldenfreiheitsbescheinigung, mit Liebe übersetzt von Frau Life Science und unterschrieben vom Housing der Life Science-Fabrik.
  • Kopie der Personalausweise
  • Ein Gehaltsnachweis über die Menge der Dollars, mit denen Familie Life Science seit drei Jahren in New York recht und schlecht wirtschaftet.
  • Eine Selbstauskunft nach Vorlage des Vermieters
  • Eine leicht schleimige Vorstellung der dreiköpfigen New Yorker Erfolgs-Familie, die ein gemütliches Zuhause sucht, Haustiere doof findet und nicht raucht, deren Kind am liebsten „Stille Post“ spielt; garniert mit einem Familienfoto am Ufer des East Rivers im warmen Abendlicht.

Montag, 15.10.

Frau Life Science wacht morgens früher als sonst auf, checkt vom Bett aus mal eben den Posteingang am Handy, nur ob schon drin steht: „Sehr geehrte Familie Life Science! Wir danken herzlich für Ihre Bewerbung und sind nun auf dem Weg zu Ihnen nach New York, um ihnen den Mietvertrag für die am Samstag besichtigte Wohnung persönlich vorbeizubringen“. Aber das Postfach ist leer. Ein bisschen länger dauert es wohl schon…

Da kommt es Frau Life Science brühheiß: Warum hat der Riesen-Anhang mit Schufa-Auskunft, Foto, Personalausweis und diversen Schreiben beim Versenden über ihren Email-Account eigentlich keine technischen Probleme verursacht? Geht doch sonst nie! Sie sieht im Postausgang nach und findet die Mail vom Sonntag NICHT darin. Weil sie hängen geblieben ist. Zu wenig Speicherplatz!!!

Na, Bravo! In Deutschland ist schon Mittag und die Entscheidung über die Wohnung vielleicht schon längst gefällt. Und zwar in Abwesenheit der Bewerbung von Familie Life Science. Jetzt ziehen da die anderen Leute ein, die am Samstag durchs Carolins Video liefen! Auweia. Frau Life Science hat es verkackt!! Sie hätte aufmerksamer sein müssen! Dem Lifescientisten wäre das nie passiert. Darum kann sie es ihm auch niemals sagen. Das ganze Theater umsonst! Als hätte man nicht genug zu tun!

Eiligst schickt Frau Life Science die hängen gebliebene Mail ab (nicht ehe sie ihren Emailverkehr der letzten 3 Jahre unwiderruflich gelöscht hat um Speicherplatz zu schaffen) und ruft zur Sicherheit noch zweimal im Hausverwaltungsbüro an. Der Herr Hausverwalter rufe sie gerne zurück, heißt es. Nein!!! Nicht zurückrufen! USA, ganz blöd. Vor allem auch, weil Familie Life Science ihre völlige Abwesenheit von dem Land, in dem sie wohnen will, doch nicht so stark in den Vordergrund stellen möchte. Wettbewerbsnachteil…

Wenige Stunden später trifft per Email eine Eingangsbestätigung zur Bewerbung ein.  Die Entscheidung soll bis spätestens Freitag fallen. Solange bittet man um Geduld.

Freitag, 19.10.

Tag der Entscheidung. Aber keine Meldung von der Hausverwaltung. War die Bewerbung nach der unsäglichen Kommunikations-Panne doch zu spät. Familie Life Science ist offenbar nicht mal mehr richtig auf die Liste derer gekommen, denen man absagen muss.

Montag, 22.10.

Schon wieder nach Mittag in Deutschland.  Immer noch keine Nachricht. Frau Life Science ruft mal wieder bei der Hausverwaltung an: Der Herr Hausverwalter rufe sie gerne zurück. Schwitz….  Besser nicht. Email, bitte!

Einige Stunden später: Frau Life Science wird ungeduldig und fragt noch einmal  per Email nach.

Der Hausverwalter stellt sich tot.

Scheiß Großstadt. No one is waiting for you, denkt Frau Life Science. Dass man nicht einmal eine Absage wert ist.


Dienstag, 23.10.

Eine andere Kollegin von Lifescientisten sieht sich eine weitere Wohnung in Berlin an und kommt gemeinsam mit der zuständigen Maklerin zum Schluss, dass diese Wohnung blöd ist.

Der Hausverwalter von den zuvor besichtigten Wohnungen schreibt jetzt doch, schon nach der normalen Bürozeit, und sagt, die Entscheidung für die von Familie Life Science priorisierte Wohnung verzögere sich noch. Die andere sei schon vergeben.

Zeitnah antwortet Frau Life Science und teilt untertänigst mit, dass sie nach wie vor interessiert sei.

Keine Stunde später schreibt der Hausverwalter schon wieder und teilt mit, es sehe jetzt gut aus. Wahrscheinlich hat da gerade jemand abgesagt. Will da jemand keine historischen Doppelfenster? Angst vor Luftzug? Sind wohl keine New Yorker.

Mittwoch, 24.10.

Der Hausverwalter vermeldet, die Wohnung sei frei für Familie Life Science und er lasse jetzt einen Mietvertrag erarbeiten.

Die ganze Familie Life Science stößt am Abend mit Sekt und Saft an und Frau Life Science macht endlich ihr Geständnis: „Du , Lifescientist, beinahe hätte ich´s verbockt…“

Bleibt nur noch zu hoffen, das mit der Unterzeichnung des Mietvertrages alles reibungslos klappt. Falls nicht, geht es von vorne los – Aber jetzt wissen die Life Sciences ja, wie es geht.

IMG_2497
Schöner wohnen in New York City, gesehen in Astoria/Queens