(356) Ein Tag mit Frau Life Science – Oder: Conny bekommt eine Katze und Frau Life Science zu viel

Bevor sich die Routinen endgültig auflösen, noch ein Protokoll eines typischen Inselalltags. Was machst du eigentlich so den ganzen Tag, Frau Life Science?
Nix schaffen, ist doch klar.

Irgendwann wischen zu früh und viel zu früh:
Ein quäkendes Kind kommt ans Mutterbett und gibt erste Befehle. „Mama, du musst aufstehen. Mama es ist schon halb neun“ (halb neun ist die einzige Uhrzeit, die es kennt)

„Geh zu Papa.“

„Mama, warum stehst du denn nicht aaaaauuuuf?“

„Hmpf.“

„Mamaaaaaa? Es ist doch schon hell!?“

„Mama, darf ich eine Sendung…?“

Fast drei Jahre wurde im Hause Life Science auf Bildschirmunterhaltung verzichtet, auch auf besonderen Wunsch vom Lifescientisten, aber inzwischen gehört das Hochfahren des PCs zur Morgenroutine. Morgens schon Bildschirmunterhaltung? Das können Sie jetzt verwerflich finden, Familie Life Science hält es für praktisch. Die Eltern können in Ruhe wach werden, den Kaffee schlürfen, und da es eh bald in die KiTa geht, ist das Thema „eine Sendung gucken“ dann für den Rest des Tages erledigt. „Aber Kind, du hast doch schon geguckt!“

Auch der Lifescientist schlurft über die Bildfläche; frühstückt leidenschaftlich. Noch bevor man dem Kind etwas anbieten kann, hat es sich meist schon selbst am Kühlschrank bedient. Schnitzel mit Joghurt oder so.

Gegen 8:30 Uhr
Der Lifescientist verlässt er das Haus, nicht ohne Laptop und Lunchpaket und die Keycard um den Hals. Aber der Forschernachwuchs entlässt ihn nicht, bevor die Familie ordnungsgemäß durchgeküsst ist.

Frau Life Science bereitet das Essen für den Kindergarten zu. Hierzu muss täglich eine warme Hauptmahlzeit in einen Thermosbehälter gefüllt werden. Das nervt. In den monatlich über $2000 Betreuungskosten, die Familie Life Science gemeinsam mit dem deutschen Steuerzahler monatlich aufbringt, ist das Mittagessen nicht enthalten. Die Möglichkeit der Gruppenverpflegung besteht in der Betreuungseinrichtung nämlich nicht, die Ernährungsbedürfnisse wären zu auch zu unterschiedlich und es mangelt an Facilities. Warm machen dürfen sie auch nichts, aus rechtlichen Gründen. Nur, wenn irgendein Kind aus der Gruppe Geburtstag feiert oder ein Geschwisterchen bekommen hat, gibt`s Pizza/-Party (dazu Pizza mit ohne allem) und dann entfällt die Kocherei.
An den Nicht-Pizza-Tagen macht Frau Life Science für das Kind meistens „Nudeln mit…“ oder „Reis an…“ Das Gefrierfach ist voller kleiner Döschen mit irgendwelchen Leftovers. So wurschtelt sie sich Tag für Tag durch. Das Kind hilft beim Mikrowellenknopf drücken oder rührt in der Pfanne herum. Ein Obststück muss sich noch gerichtet werden, wichtig ist die Beschriftung mit Name und Datum.

9:40 Uhr
Aufbruch zur Kita! Welches Transportmittel möchtest du heute nutzen, Kind? Zur Auswahl stehen Kinderwagen, Tretroller, Laufrad oder die eigenen Beine. Mit dem Gefährt des Tages bewegen sich Mutter und Kind aus dem Haus in Richtung Bushaltestelle.
Schon im Aufzug erinnert Frau Life Science das Kind an die Notwendigkeit einer adäquaten Begrüßung de Front Desk-Personals. Morgens ist immer die Chefin im Dienst; ihr möge gehuldigt sein. Mit entsprechender Vorbereitung klappt das inzwischen. „Good mooooooorning…“

9.45 Uhr
Bei der Bushaltestelle achtet der kleine Schatz peinlichst genau auf die Nummer des heranfahrenden roten Busses. Da kommen schon mal Tränen, wenn die falsche Nummer kommt. Es gibt Dinge, die hat man als Mama nicht in der Hand. Dazu gehört der Einsatzplan der Inselbusse.
Manchmal trifft man jetzt schon die ersten „teacher“ (Erzieherinnen). Sie kommen von der Bronx, aus Queens oder aus downtown Manhattan. Keine von Ihnen wohnt direkt in der Nähe. Je nach allgemeiner Arbeitseinstellung und Tagesform sind sie unterschiedlich gesprächig. Frau Life Science grüßt nett, versucht aber auch, den Erzieherinnen nicht schon auf dem langen Arbeitsweg zu sehr auf die Pelle zu rücken.

Während der kurzen Busfahrt zum anderen Ende der Insel, Roller oder Fahrrädchen zwischen den Knien, täte Frau Life Science gut daran, die Kindergarten-App zu auszufüllen. Wann ist das Kind aufgewacht, welche Irrsinnskombination hat es gefrühstückt und welche Ausscheidungen hat es hinterlassen? Wen interessiert´s?  Frau Life Science hat keinen Bock mehr, ihre Compliance hat deutlich nachgelassen.

10:00 Uhr
Im Kindergarten verschlägt es dem Kind die Sprache, noch während es die Jacke aufhängt und  das Vesper in sein Regalfach räumt. Er kommt immer genau zur Frühstückszeit. Die Erzieherinnen begrüßen ihn auf das Euphorischste. „You want a waffle?“ fragen sie  und sprechen es wuafful. (Immerhin Snacks werden für alle angeboten). Das Kind schweigt. Jegliches Nachhelfen zwecklos. Das scheint ein Rollenkonflikt auf Seiten des kleine Schatzes zu existieren: Wer bin ich? Ein deutsches Mamakind oder ein amerikanischer Kindergartenrocker? Die Antwort ist Schweigen.

10.03 Uhr
Frau Life Science verabschiedet sich, räumt den Tretroller oder was immer sie dabeihaben, in den hoffnungslos überfüllten Nebenraum und entschwindet durch den Seitenausgang. Sie sieht zu, dass sie Land gewinnt.
Jetzt hat sie sechs Stunden frei, mit Bring-und Abholvorgang eingerechnet, sind es nur noch 5 Stunden 40. „Ein A… voll Zeit hat die!“, mag man denken, dennoch geht sie ganz schnell rum. Zuhause sieht es ja immer aus wie bei Hempels. Es gibt trotz überschaubarer Personenzahl viel Wäsche, der Kühlschrank ist stets leer und um ihn zu füllen, tut man gut daran, die Insel zu verlassen. Oder es sind andere Alltagsdinge zu erledigen, Vorhangstreifen sind abgestürzt, der Rauchmelder piepst oder  die Spüle tropft, irgendwas ist immer. Falls Frau Life Science tags zuvor bei LeAn Babysitten war, ist auch manches liegengeblieben, was nachzuarbeiten ist. Vielleicht schreibt Frau Life Science noch an einem Blogpost, die pure Zeitverschwendung. Ausufernd, sinnlos, herrlich. Ruckzuck ist 3:40 pm auf der Backofenuhr. Dann heißt es losmarschieren und das Kind abholen.

15:41 Uhr
Unten am Ausgang hat Daniel gerade seinen Dienst im Housing angetreten und wischt schon irgendwelche Scheiben oder Türen blank. „Picking up the little one?“, stellt er scharfsinnig fest, und fragt es jeden Tag aufs Neue so, als habe er es noch nie gefragt. Das muss man können, fragt er es doch seit 14 Jahren, wenn nicht Frau Life Science, dann andere. „Yeah, all right, all right, see you later“ schiebt er noch nach und winkt ein bisschen, ehe er weiterwischt. Ein herzensguter Mann, auch wenn er immer das Gleiche sagt.

Im Stechschritt marschiert Frau Life Science zum Kindergarten, man kann am Flussufer entlanggehen, wahlweise auf der Manhattan- oder der Queens-Seite oder in der Inselmitte, entlang der Main Street, wo es bei Bedarf wettergeschützter ist und wo man auch die Chance hat, vielleicht noch den roten Bus zu erwischen. Der Abholweg ist eine gute Gelegenheit für ein Telefonat mit dem Lifescientisten, um die Neuigkeiten des Tages auszutauschen.
Nach manchen Insel-Leuten kann man die Uhr stellen. Man sieht sie fast immer zur selben Zeit. Die japanische Müttergruppe trifft man immer am Eck bei der ersten Kreuzung, den einen Vater mit Sohn weiter vorne. Apropos, wo sind die eigentlich zurzeit?

Kurz vor 16.00 Uhr 
Frau Life Science sieht durch die Scheibe, womit sich der Forschernachwuchs im Kindergarten gerade beschäftigt und mit wem. Sie bleibt gerne ein paar Sekunden unbemerkt. Dann rennt das Kind auf sie zu, wirft sich an sie, macht sich lang. Wird von der Mama ein bisschen durch- und abgeklopft.
Nach dem Abholen ist es gut, ein Play Date zu veranstalten, vielleicht zu „Music with Jim“ zu gehen oder es sind weitere Alltagsdinge wie Arztbesuche oder Besorgungen zu erledigen. Irgendetwas Aktives muss man jedenfalls tun, bloß nicht zuhause sitzen, egal, ob der Eiswind über die Insel jagt, Sturzbäche vom Himmel fallen oder die Schwüle über dem Beton wummert.

Gegen 18.00 Uhr
Mutter und Kind kommen nach Hause. Der Kleine hat Hunger und kriegt was zu Futtern. Frau Life Science kocht vielleicht noch etwas für den nächsten Tag vor, der kleine Schatz „hilft“ gerne mit. Es ist die zähste Stunde des Tages. Manchmal ruft Frau Life Science den Lifescientisten nochmal an und fragt, ob er pünktlich loskommen wird.

Gegen 19:00 Uhr
Der Lifescientist taucht auf, Frau Life Science nennt es den „seinen ersten Feierabend“ und muss sofort irgendetwas mitspielen, obwohl er schon wieder am Verhungern ist. „Komm, wir gehen in den Flur“, kräht das Kind. Dort fahren sie Roller, spielen Ball und machen sonstigen Quatsch. Vielleicht machen sie auch ein „Wettrenning“. (Versuchen Sie gar nicht erst, den Denglisch-Versprecher zu korrigieren).
Ein Hoch auf die friedliche Nachbarschaft, die Flurspiele toleriert und auch bei liegen gelassenem Spielzeug nicht gleich meckert. Thank you, Gracias, الشكر لكم. Leben und leben lassen. LeAns Kinder dürfen jedenfalls nicht mehr im Flur spielen, die Hausgemeinschaft hat das abgestellt. Wenn sich der Lifescientist irgendwann freischaufeln kann, geht er rein und schnappt sich vom Vorgekochten. Das ist doch für morgen, Lifescientist!

Zum Nachtisch schlachtet der Lifescientist seinen täglichen Granatapfel. Der kleine Schatz trinkt einen Schluck Fruchtsaft ab, der beim Aufschneiden anfällt und knabbert ein paar Kerne mit. Nicht wenige solche landen bei der ganzen Aktion auf dem Fußboden. Sie platzen beim Staubsaugen auf und hinterlassen blutrote Streifen. Ungeduldig wartet Frau Life Science auf das Ende der Granatapfelsaison.

Zwischen 8:00 und 9:00 Uhr
Die Bettroutine beginnt für Menschen unter Vier. Neues Lieblingsspiel: Kleidungsstücke einzeln von einem Elternteil zu einem festen Ball zusammenknuddeln lassen und von der Bettkante aus in die Wäschetonne werfen. Fortschritte bei der Zielgenauigkeit sind inzwischen schon sichtbar. Dann Schlafanzug anziehen, Zähne putzen. „Nein“ sagt das Kind, „nein“ und nochmals „nein“. Es presst den Mund zu. „Willnichtzähneputzen“.

„Dann können wir auch nicht vorlesen…!“ Das zieht immer.

Also, Vorlesen. Schon wieder „Conny bekommt eine Katze“. Man hält es im Kopf nicht aus, zumindest nicht, wenn man erwachsen ist. Das Problem ist die stetige Wiederholung. Es ist für Frau Life Science generell die größte Herausforderung in der Kleinkindererziehung: die Stereotypien. Das heißt auch, dass sie sich folgende Geschichte wieder und wieder reinziehen soll:
Ein Katzenbaby wird auf der heimischen Garagenauffahrt beinahe angefahren, von Connys eigenem Vater, aber es ist zum Glück nichts passiert. Da kommt Frau Life Science schon das Gähnen. Wenn sie nur daran denkt, was jetzt noch alles ablaufen muss, bis die letze Buchseite erreicht ist! Das Kätzchen bekommt nämlich erstmal eine Schüssel Milch. Sie behauptet von sich, sie hieße „Mau.“ Nach Milchgenuss und Namensauskunft hängt die Familie von der Conny eine Suchanzeige im Supermarkt auf und, siehe da, es meldet sich eine gewisse Frau Becker, die angebliche Besitzerin des Kätzchens. Damit ist die Geschichte aber noch nicht zu Ende, sie fängt gerade erst an. Frau Becker muss jetzt erst noch zu denen ins Reihenhaus (siehe hierzu auch „Conny zieht um“) kommen, und das alles muss Frau Life Science natürlich lang und breit vorlesen. Man einigt sich, dass Conny die Katze behalten darf. Hier schließt sich der Kreis zum Buchtitel, der heißt ja „Conny bekommt eine Katze“. Genaugenommen müsste man es gar nicht im Einzelnen lesen. Außer man ist drei.
Aber, Halt! Es ist gar keine Katze, es ist ja ein Kater! Frau Becker kann das unterscheiden. Macht nichts, wenn es ein Kater ist, dann heißt er eben „Kater Mau“, aber mit der Geschichte ist man damit noch lange nicht entscheidend weiter. Jetzt sagt Frau Becker noch, was man an Zubehör für so eine Katze benötigt, alles wird einzeln aufgezählt, was man braucht und wozu, und im Tierzubehörgeschäft wird es einzeln erworben, raten Sie mal, wer das alles vorlesen muss. Es kommt noch ein retardierendes Moment, denn der Kratzbaum wird aus Kostengründen im Laden zurückgelassen, und den macht der Opa von der Conny selber, aber er weiß noch gar nicht, dass Conny eine Katze bekommen hat, und  man muss das jetzt auch noch lesen, wenn man nur nicht so müde wäre, und auch wie der Opa in den Keller geht und den Kratzbaum baut. Dazu braucht er zwei Wochenenden und Frau Life Science auch noch eine Ewigkeit bis sie fertig ist mit Lesen.  Und dann ist es endlich, endlich geschafft, Conny darf ihre Katze behalten, die ein Kater ist, und die Katze den Kratzbaum und alle sind glücklich bis zur nächsten Wiederholung. Und wenn sie nicht schon eingeschlafen sind, dann lesen sie noch weiter, denn es bleibt an so einem Abend niemals bei EINEM Buch.

Im Wohnzimmer blendet das Licht, es liegt noch Spielzeug herum, den Lifescientisten stört es nie. Wozu aufräumen, wenn der Kleine es morgen früh wieder rumwirft?
In der Küche ist vielleicht auch noch eine Kleinigkeit zu tun. Dann ist Feierabend für Frau Life Science, der Lifescientist ist noch am PC tätig bis zu seinem zweiten Feierabend. Sie wollen nicht wissen, wann der zurzeit ist.

Geschafft! Das ist die letzte Buchseite.