(361) Der Mensch und die Sachen – Oder: Getting rid of everything

„Was macht Ihr mit euren Sachen?“, das wird Frau Life Science zurzeit öfter gefragt. Tatsächliche Umzugskosten werden im Falle von Familie Life Science nicht übernommen, jedoch zumindest eine Pauschale bezahlt. Diese gilt es sinnvoll einzusetzen und abzuwägen, was sich überhaupt zu transferieren lohnt. Antwort: die wenigsten Dinge. Sie müssen schon einen emotionalen Mehrwert haben.
Menschen, Dinge, Emotionen – darüber könnte man viele Blogartikel schreiben.

Was aber geschieht jetzt mit dem ganzen Zeug?

Es wird…

  1. …da hingbracht, wo es war: Sperrmüll. Dies bedeutet, man stellt die Sachen einfach in den kleinen Recyclingraum auf dem Stockwerk. Den Rest erledigen die Guys vom Housing. Thanks!

  2. …für einen kruden Betrag übers Elternnetzwerk verkauft. Wie misst man den Wert von gebrauchten Dingen?  Ganz schwierig. Schuhregale gehen gut, Nachtischchen eher schlecht. Frau Life Science entscheidet sich grundsätzlich für den Betrag von 5 Dollar. Für alles. Sachen, die auffallend weniger wert sind, bietet sie gar nicht erst an; Dinge, die mehr wert sind, gibt es fast nicht im Haushalt. Fünf Dollar sind auch mehr so die Bearbeitungsgebühr fürs Mailen, Termin vereinbaren, Warten, möglicherweise umsonst, und das feucht Abwischen des Gegenstandes.
  3. …verschickt.Sobald Frau Life Science ein paar Sachen in eine Kiste leg, um sie für einen späteren Versand vorzubereiten, kommt der kleine Schatz und räumt sie wieder aus. „Ach! Damit habe ich schon lange nicht mehr gespielt. Interessant!“Nach dem Einpacken und sorgfältigen Verkleben (das Kind hilft mit) wieder auspacken, weil der Medianwert des Pakets wenige Inches zu hoch ist. Das sagt zumindest die Website beim Eintippen der Maße in das Versandformular. Rumrechnen, Kiste kürzen, nochmal einpacken, (das Kind schläft schon und sieht nicht, wie seine Arbeit zunichte gemacht wird) verkleben und auf der Online-Plattform erneut scheitern. Der Median ist ja auch nicht der Mittelwert! „Es ist in der mittlere deiner drei Werte – Länge, Breite und Höhe“,  erinnert der Lifescientist. Statistische Werte sind sein täglich Brot. Der Median! Frau Life Science wusste das auch mal. Früher. Ehrlich! War halt gerade nicht abrufbar. Kiste kürzen hat jedenfalls nicht geholfen, sie hätte sie schmälern müssen, dann hätte aber der Roller nicht mehr gepasst.
    „So´n Scheiß“, sagt Frau Life Science ihrem Herrn Statistiker, „dann bringt das ja alles nichts, wenn beim Versand die fünfte Wurzel aus der Diagonalen 17 sein muss! So kann ich nicht arbeiten.“
    Und wie erklärt sie das dem Kind, dass das mit seiner aktiven Mithilfe gepackte Riesen-Paket (Pädagogik des Umzugs!) mit Fahrrädchen, Roller, Mamas Inlinern und ein paar Spielsachen so gar nicht verschickt werden kann? Hoffentlich vergisst er es wieder, wie er alles angeordnet hat und wie groß die Kiste war. Pustekuchen, Pädagogik des Umzugs. Wir packen eine Kiste und dann  packen wir heimlich alles wieder aus!? Wo ist denn da der Sinn?
  4. …zur Adoption im Freundeskreis freigeben. Auf diese Weise ist Frau Life Science bereits eine Kinderküche, ein Waffeleisen, eine Eismaschine (Elektrogeräte funktionieren nicht richtig in Europa), drei Zimmerpflanzen und mehr losgeworden und es fühlt sich gut an. Es lindert den allgemeinen Abschiedsschmerz, weil etwas von einem selbst bleibt.
  5. …im erweiterten sozialen Umfeld verschenkt. Also einfach irgendjemandem in die Hand drücken. Zum Beispiel der zurückhaltenden und immer etwas fremd gebliebenen, aber niemals unsympathischen Nachbarin, die gerade von der Arbeit kommt. Da, große Glasschüssel, willst du? Die Nachbarin findet große Glasschüssel gut, hat ja auch Familie, und sie will sie Frau Life Science direkt abkaufen. Nix da, Frau Life Science handelt nicht mit Schüsseln. Schon gar nicht, wenn sie vom Schwarzmarkt sind. Nimm sie doch bitte, bitte, Danke!
  6. …in Thrift Stores gespendet. Auch hier ist im Falle von Frau Life Science oft ein Zurückführen der Dinge zur ihrem Ursprung.
    Einfach eine Tüte voller Kruscht im Kassenbereich des jeweiligen Geschäfts abwerfen, und weg ist es. Wer will, nimmt noch eine Steuerbescheinigung mit. (Frau Life Science hofft, dass der Lifescientist nächstes Jahr über den fehlenden Belege über die drei Kaffeetassen und fünf Bilderbücher usw. hinwegsieht, wenn es gilt, die letzte amerikanische Steuererklärung abzuwickeln).
  7. …in der Wohnung stehen gelassen. Es ist unglaublich, aber Frau Life Science hat es schriftlich: Man darf auch Sachen einfach in der Wohnung zurücklassen, solange es keine Lebensmittel oder sonstige Abfälle sind. Die Guys vom Housing kümmern sich drum. Sie verscherbeln es oder schmeißen es weg. Man selbst ist es jedenfalls es los. Und das kostet nichts. Das ist eine große Erleichterung. Man kann immer sagen: „Tja, wenn nicht, dann bleibt´s halt hier.“
  8. …weggeschmissen. Nach drei Jahren Intensivnutzung sind viele Dinge auch leider schon (!) am Ende ihre Lebenszyklus abgelangt. Die Bratpfanne ist nicht mehr „antihaft“, sondern nur  noch „haft“, der Bettbezug reist an mehreren Stellen ein, der Badvorleger löst sich auf und der Dusch-Schlauch ist undicht. Man müsste Manches dringend ersetzen, zöge man nicht ohnehin um. Für eine Weile geht´s ja noch.
    Und natürlich schmeißt man mehr weg, als man schmeißen würde, zöge man nicht um. Man drückt schon mal ein Auge zu, oder zwei, oder elfzwanzig, wie der kleine Schatz sagen würde.

Und während Frau Life Science versucht, sich bestmöglich zu reduzieren, wird sie unversehens dazu genötigt, im Schreibwarenfachhandel, der seinen Namen nicht verdient, VIER Klebestifte zu kaufen anstatt einem. „I´m moving in one week and definitely can´t use three more glue sticks“, lässt sie den Kassierer wissen.
„Ai-gad-jow“, sagt der Kassierer mit unwiderstehlichem amerikanischem Charme und scannt die Ware ein.

Es gilt für Frau Life Science übrigens nicht nur materielle Dinge loszuwerden, sondern auch Bilder und Videos aus dem Life Science-Archiv, die noch nie gepostet wurden, unauffällig in den Blog zu schmuggeln:

 

 

 

 

Das Leben ist eine Baustelle. Und wenn in diesem Supermarkt der Einkaufsbetrieb uneingeschränkt aufrechterhalten werden kann, während die südamerikanischen Bauarbeiter den frischen Beton anbringen (dass die Kunden nicht durch den noch nassen Estrich waten müssen, scheint gerade noch alles zu sein), dann scheint es auch möglich, dass trotz eines Umzuges über den Atlantik hinweg das Leben der Familie Life Science weitergehen kann. Irgendwie.