(363) Arbeit im Allgemeinen und Besonderen – Oder: Es spottet jeder Beschreibung

Freiburg im Breisgau, an einem Vormittag. Die ein Meter fünfundfünfzig große Physiklehrerin tritt ein und wartet wie jede gute Lehrkraft auf Ruhe, ehe sie zu sprechen beginnt. Sie führt heute ein neues Physik-Thema ein. Vor ihr sitzen keine Teenager, sondern  Erwachsene – es ist der zweite Bildungsweg. Die jungen Leute, Krankenschwestern, Schreiner, Arzthelferinnen, haben alle schon Brüche und mehr oder weniger überflüssige  Kapriolen im Lebenslauf hinter sich. Unter Ihnen Frau Life Science.

„Arbeit“, sagt Frau B., „das kennen Sie. Wenn Sie einen schweren Balken von A nach B tragen, dann ist das Arbeit. Wenn Sie sich neues Wissen in einer bestimmten Zeit  aneignen müssen, dann ist das Arbeit. Wenn Sie ein Kind großziehen, dann ist das Arbeit. Wenn Sie einen geliebten Menschen verlieren und darüber trauern, dann ist das Arbeit. Ja! Arbeit – das merken Sie, wenn Sie eine Arbeit verrichten. Da passiert richtig was, nicht wahr…?“

Man konnte Frau B. stundenlang zuhören, wenn Sie das Phänomen Arbeit beschrieb und – wie auch immer sie das schaffte – einen Bogen spannte vom allgemeinen zum physikalischen Arbeitsbegriff: Energie, die durch Kräfte auf einen Körper übertragen wird. Irgendwie war Frau B. Physiklehrerin und Pfarrerin zugleich.

Arbeit ist ein Phänomen. Eine verdammte Scheiß-Arbeit war es, das Kapitel New York abzuschließen und sich in Deutschland weder einzufinden. Es spottet jeder Beschreibung.

Es spottet jeder Beschreibung wie man…

  • …am Vorabend der Ausreise bis nachts um drei Kisten packt für den Versand und Zollerklärungen glaubwürdig aber keinesfalls wahrheitsgemäß erstellt (letzteres hätte NOCH länger gedauert)
  • …den Geldwert von persönlichen Gegenständen ratlos in diese Zoll-Formulare einträgt (Null Euro oder tausend – wer mag das beantworten?)
  • …achtmal mit einem Paket auf die Personenwaage steht und die Differenz von gesamten und eigenen Gewicht ermittelt
  • …erschrickt über den Berg von Krempel, denn man in der Wohnung aufhäuft,damit das Housing es entsorgen soll. Oh, mein Gott! Wo. Kommt. Das. Alles. Her???
  • …noch mehr erschrickt über Sachen, die aus dem amerikanischen XXL-Kühlschrank kommen. Man hat es ja so unterschätzt!
  • …Freunde, Bekannte und Dahergelaufene behelligt, irgendetwas vom genannten Berg  abzutragen – „Komm vorbei! Am besten jetzt!“ – und wie man Gegenstände des früheren Lebens ob ihrer Funktionalität und Nützlichkeit anpreist wie im Tele-Shop
  • …die Frage eines Bekannten, was man da gerade zu sich nehme, beantworten muss mit: „Apple Sauce mit dem Strohalm, weil feste Nahrung gerade nicht geht“
  • …das exakt gleiche Ikea-Bett, das man für Deutschland bereits neu bestellt und bezahlt hat, in New York zurücklässt und hofft, aber keinesfalls weiß, dass es vom Müll verschont bleiben wird (man hört in Gedanken schon das Geräusch des Schredders, der nachts um 11:00 Uhr immer den (Sperr-)Müll an der Main Street abholt)
  • …auf dem Weg zum letzten Kindergarten-Abholen noch schnell Blumen kauft für die Damen vom Office
  • …die Blumenerde im Flur vor dem Office zusammenfegt
    (seit Jahrzehnten packt Frau Life Science Kunststoff-Blumentöpfe mit einem festen Griff am oberen Rand; Tun Sie dies niemals in Amerika! Sie haben dann einen winziges Stück Plastikrand, aber nicht mehr den Blumentopf in der Hand)
  • …etwas sagen will, aber nicht kann, weil man weinen muss; und weil Ms. Wendy vom Office schwer krank war oder ist, und trotzdem jeden Tag aufs neue und seit Jahren den Laden zusammenhält und verdammt nochmal das Herz am rechten Fleck hat
  • …sich überlegt, wo zum Teufel man eine große Tüte voller Gebasteltem, das intellektuelle und künstlerische Oeuvre eines Dreijährigen; einmalig, emotional aufgeladen, unwiederbringlich, jetzt noch schnell in Gepäck unterbringen soll
  • …sich fühlt, wenn eine der Reisetaschen, die man für die Rückreise eingeplant hat, einfach reißt, und wie man sie mit einem Tacker vom Front Desk zu reparieren versucht
  •  …es gerade mit dem Kind runter zur U-Bahn in Richtung Flughafen geschafft hat und es dann DRINGEND aufs Klo muss – Da gibt´s nur eins: Wieder hoch, ins Gebüsch pinkeln und nochmal runter. (Wer die Aufzüge der Roosevelt Island-Subway Station kennt, weiß, wie lange das dauert…)
  • …man seinen Ehemannn, der ob der insgesamt neun Gepäckstücke mit einem XXL-Uber gefahren ist, am Flughafen sucht und findet
  • …erleichtert man ist, dass die kaputte Tasche am Flughafen für $15 in Zellophan eingewickelt und so in ein hellblaues Christo & Jeanne Claude-Kunstwerk verwandelt wird, und die Fluggesellschaft die Mitnahme NICHT verweigert
    (alles schon vorgekommen!)
  • … es einem wie Schuppen von den Augen fällt, dass man 6 Koffer und 3 Handgepäckstücke in Frankfurt nicht und niemals auf EINEN Kofferkuli aufladen kann, sondern dafür ZWEI Kulis benötigt; kleiner Denkfehler!
  • …schwitzt, wenn man als Lifescientist mit einem Kinderwagen und einem Kofferkuli gleichzeitig rangieren muss (den anderen wuchtet Frau Life Science)
  • …am furchtbar kalten und zugigen Frankfurter Bahngleis eine längere Verspätung scheibchenweise mitgeteilt bekommt, sodass man sich nicht vom Bahngleis entfernen kann
  • …sich fühlt, wenn der Schaffner einen als „Karawane“ bezeichnet und droht, einen aus dem Zug zu werfen, wenn man nicht sofort die 1. Klasse verlässt (Zug hielt in Frankfurt in völlig verkehrter Reihung!)
  • …sich freut, dass die vielen Taschen ganz leicht in den Gartenanhänger des Vaters passen und mit drei Spanngurten in nullkommanix festgezurrt werden
  • …sich fühlt, wenn der Ehemann einen halben Tag nach der Frankfurter Bahngleis-Erfahrung plötzlich schwer fiebert, einen Schüttelfrost gleich einem Epileptiker entwickelt und eine ernstzunehmende  Ohrenentzündung ausbildet; und wenn man daraufhin in den nächsten Tagen die verkeilten Kisten altes Leben im Schuppen der Eltern alleine sichten und hin- und herwuchten muss: Was kommt mit nach Berlin, was bleibt hier und was hätte man eigentlich niemals aufheben sollen? Und mit wem kann man eigentlich über das alles hier reden? Keinem? Ah, supi!
  • …welchen Frust man schiebt, wenn ein fix und fertig geschriebener Blog-Post aufgrund der miserablen Internetsituation auf dem Dorf am Handy verfasst, mit einem einzigen falschen Klick unwiderruflich gelöscht wird. Das geht am PC gar nicht. Selbst wenn man wollte!

Ach, ich sagte ja: Es spottet jeder Beschreibung.

 

Bye, Bye! New York!