(436) Brutalismus

Auf Roosevelt Island war er allgegenwärtig, der architektonische Stil des Brutalismus. Diese Wohnanlagen aus Sichtbeton, die wenig dezenten Formen und die überdimensionalen Lüftungsrohre wie auf einem Hochseedampfer. „Sieht alles komisch aus“, fand Frau Life Science damals, und schob es auf Amerika.

Man könnte durchaus meinen, der begriff Brutalismus käme von brutal, im Sinne von Gewalt. Weil man erschrecken kann vor diesen Gebäuden. Der Begriff leitet sich jedoch „brut“ ab, also „roh“, aber auch „rau“ oder „ehrlich“. Der nackte Beton eben, ohne Verputz. Beton ist hier Gestaltungsmittel, Lüftungen und Heizungsrohre sind der „Schmuck“.

Erschrecken kann man vor allem auch deswegen, weil diese Gebäude so schlecht altern. Sie werden ohne jede würdevolle Patina schäbig. Der Beton wird schwarz und spröde, er veralgt. Steht man fuffzig Jahre später vor so einem Bauwerk, kann einen mitunter die ganze Trostlosigkeit menschlicher Existenz erfassen.

Der Brutalismus hat sich zwischen den 1960er und 1980er Jahren weltweit verbreitet. Bestimmt findet sich auch in Ihrer Stadt das eine oder andere Kleinod. Im Stadtteil Lichterfelde im Berliner Außenbezirk Steglitz-Zehlendorf kann man auf ein ganz besonderes Brutalismus-Objekt stoßen, den sogenannten Mäusebunker. Der ist un-glaub-lich. Als Frau Life Science zum ersten Mal mit dem Fahrrad vorbeifährt, muss sie absteigen und staunen. Dass es so etwas gibt!


Das Gebäude war einmal eine Tierversuchsanstalt gewesen, darum der Name. Andere sagen auch Sternenzerstörer
dazu. Manche finden, der Mäusebunker gehört abgerissen – weil er so hässlich ist. Andere sagen, der muss stehen bleiben, aus demselben Grund. Ein architektonisches Denkmal. Zusätzlich zu den reinen Schönheitsfragen kommen aber noch Asbestprobleme hinzu und die Tage des Mäusebunkers sind offenbar gezählt.

So hässlich er auch scheinen mag, der Bunker wurde nicht aus Versehen errichtet. Im Gegenteil; er war architektonische Avantgarde und irgendwie todschick. Nichts sollte verdeckt oder verputzt sein, nichts unter einer Fassade kaschiert werden. Es sollte alles so zu sehen sein, wie es eben ist.

Aus Interesse am Thema Brutalismus beginnt Frau Life Science zu recherchieren und stellt fest, dass das Thema geradezu „in“ ist und zurzeit wiederentdeckt wird. Menschen suchen entsprechende Beton-Pilgerstätten auf, es gibt Facebook-Gruppen wie die der „Brutalism Appreciation Society“, die Webseite „SOS Brutalism“ oder die Aktionsgruppe „Rettet den Mäusebunker“.

Dem rauen Charme des Brutalismus verfallen sein – Frau Life Science kann das irgendwie verstehen. In dem kribbeligen Schauer, der sie zunächst beim Anblick des Mäusebunkers und ähnlicher Bauten überkommt, liegt im Nachgang eine ungeheure Faszination. Wer sich auf den Brutalismus einlässt, den ergreift er. Schwer zu beschreiben, und Frau Life Science muss jetzt auch dringend hier Schluss machen und Gebäude googeln.

 

Liste von Bauwerken des Brutalismus 

 

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