Unalltag 9

Der Tag beginnt mit der Nachricht einer befreundeten Mutter mit dem gleichaltrigem Kind von letzter Woche:

„Sollen wir uns diese Woche treffen?“

… Tref-fen? Im richtigen Leeeeeben? Darauf muss man erstmal kommen. Warum nicht gleich: „Wollen wir eine Bank überfallen? Oder ein Auto knacken? Welche härteren Drogen hast du eigentlich vorrätig?“

Beim Ins-Bett-bringen selber eingeschlafen und keine Nachrichten mehr geguckt, oder was?

Am Abend schreibt die Freundin zurück, dass sie wirklich verwirrt sei, was man noch dürfe. Und dass sie übrigens diese Woche auch arbeiten muss, wenn auch nicht so richtig systemrelevant. Höchstens relevant für ihr ganz persönliches System.
Soll sie das Kind jetzt mit zu Arbeit nehmen? Das würde sogar gehen, aber wie viele unterschiedliche Menschen, die es noch nie gesehen hat, und die aus allen Berliner Bezirken kommen, träfe es dort und wie virensicher wäre das dann?

Falls die Freundin diese Woche Betreuungsbedarf hätte und es als legal gelten könnte,  wäre das die reinste Win-Win-Situation für Frau Life Science, ein zweites Kind im Haus zu haben. Das Infektionsrisiko schiene vertretbar bei Leuten, die man eh jede Woche sieht, äh, gesehen hat. Und die Kinder hätten eine sinnvolle Beschäftigung.

Um zu klären, ob so etwas theoretisch möglich wäre, ruft Frau Life Science am Abend noch bei der örtlichen Polizeidienststelle an – mit der Bereitschaft sofort aufzulegen, falls auf der Wache jetzt andere Dinge vorrangig wären, doch sie erhält freundliche Auskunft. Der Polizist ist der Meinung, so ein Vorgehen wäre bei konkretem Bedarf aus seiner Sicht unproblematisch.

Warum erzählt Frau Life Science das überhaupt? Ist ja eigentlich  nichts Besonderes in so einem Unalltag, dass man vor der Durchführung eines Playdates bei der Polizei anruft.

Wenn sich das mit dem anderen Kind ergibt, wäre es ein Glücksfall, wenn nicht, geht es auch so. Es ging ja auch heute:

Das Kind zog absichtlich zwei Unterhosen übereinander an, verschüttete Orangensaft und Milch, zerdepperte eine Glühbirne, wollte nicht raus, fand aber Paillettenbilder stecken plötzlich auch wieder blöd, kaxelte in die Badewanne, kündigte dem Vater die Freundschaft auf immer und ewig (was gemeinsames Versteckenspielen nicht ausschloss), und sabotierte jedes Telefongespräch, zum Beispiel mit dem Schreien ins elterliche Ohr, dass es nur so pfiff.
Um 19:00 Uhr stand es aber auf dem Balkon stramm und klatschte – für den REWE, wie es sagte (dass die für uns arbeiten und nicht zuhause bleiben können). Die Klatscherei ist ein Abendritual, auf das es sich freut.

Apropos Klatschen für REWE:

Bei REWE wurde heute im Face-to-Face-Kontakt neue Payback-Kunden geworben und beraten. Systemrelevant!? Bei ALDI sieht man dafür den Kassierer nur noch verschwommen – durch eine Plexiglas-Scheibe. Wenn´s hilft! Und im Bioladen des Wohnviertels, der immer einen Schritt weiter scheint, wird an der automatischen Tür der Einlass per Plakat geregelt: Einer geht raus, der nächste geht rein.

Auf dem Parkplatz quatscht einer mit seinem Bekannten und hustet kräftig – in die Hand. Frau Life Science setzt das allerfreundlichste Gesicht auf, das sie zu bieten hat, und pantomimt dem Herrn die epidemiologisch angeratene Nies-Etikette vor.
Aber wahrscheinlich hat der eh kein Corona, denn das kriegt man selbst ja gar nicht.

 

 

 

Es scheint in den nächsten Wochen absolut entscheidend, dass jede Bürgerin und jeder Bürger …  … seine Payback-Punkte optimal nutzt. Dafür steht der Mitarbeiter in Blau gerne bereit und beantwortet Ihre Fragen ….

 

2 Gedanken zu “Unalltag 9

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